„Woher hast Du denn die blutunterlaufenen Stellen im Gesicht? Bist Du gefallen?“

„Nein“, sagte Valerie, „die Schulzin hat mich geschlagen, weil sie behauptete, ich hätte ihr eine silberne Schnalle gestohlen.“

„Und hast Du das nicht gethan?“

„Nein“, sagte das Mädchen, drehte sich ab und schritt zur Thür hinaus.

Das Verhör mit der Schulzin und ihrem Knecht dauerte nicht lange. Die Frau brachte allerdings eine Masse von Anklagen vor, aber der Untersuchungsrichter hatte zu viel mit derartigen Leuten zu thun gehabt, um nicht das Wahre daran ziemlich richtig herauszufühlen. Die Hauptsache war ja auch erledigt; die Verbrecherin hatte ihre Schuld gestanden, und der alte Beamte glaubte, die Ursache leicht in der rauhen Behandlung der vor ihm stehenden, bösartig genug aussehenden Bauersfrau zu finden. Das Mädchen hatte in deren Haus gewiß keine guten Tage gehabt, und in der Rachsucht für erlittene Mishandlung ließ sich das Motiv der That — wenn diese darin auch keine Entschuldigung fand — wohl erklären.

Uebrigens schlug die Schulzin vergnügt in die Hände, als ihr der Criminalbeamte mittheilte, daß die Gefangene ihre Schuld eingestanden habe, und schrie:

„Ich wußt’ es, ich wußt’ es — kein Mensch weiter konnte es gewesen sein wie der Balg, und wenn ich jetzt nur noch erlebe, daß sie die Brandstifterin an den Galgen hängen, denn das hat sie hundert Mal verdient!“

Die Untersuchung war aber damit nicht etwa geschlossen, denn der alte Assessor citirte nach und nach das ganze Hauspersonal der Schulzin, wie auch das von Baumstetter’s Hof vor Gericht, und deren Aussagen bestätigten allerdings seine schon früher gefaßte Vermuthung, daß die Waise nämlich kein ursprünglich böses, wenn auch sehr vernachlässigtes Kind gewesen und wohl nur durch rauhe Behandlung zu der verbrecherischen That, die nicht einmal eine vorbedachte genannt werden konnte, getrieben worden. Auch ihre Jugend kam dazu, um Milderungsgründe zur Geltung zu bringen.

In der nämlichen Zeit gab sich der Assessor die größte Mühe, um etwas Näheres über die Mutter der Gefangenen zu erfahren, aber alle darauf gewandte Mühe blieb umsonst, denn die unruhige Zeit, in welcher sie damals das Dorf aufgesucht, verwischte jede Spur. Er fuhr selbst nach Osterhagen hinüber und zog bei dem Schulzen genaue Erkundigungen ein, und hörte wohl, daß damals ein Leintuch mit dem Zeichen einer adelichen Herrschaft gefunden sei, wo es aber geblieben, wußte Niemand zu sagen. Es war damals mit verauctionirt worden, und auch auf die Buchstaben konnte sich Keiner mehr erinnern. Selbst der Schmuck, den Valerie noch von ihrer Mutter trug, und den er später untersuchte, gab keinen Anhaltepunkt; es war ein einfaches goldenes Kreuz mit dem Buchstaben V. darin, und der Trauring trug nur ein Datum und eine Jahreszahl.