„Was für Buchstaben?“ rief der junge Mann rasch.

„Wer hat sich darum gekümmert“, seufzte der Alte — „ich dächte, ich hätte einmal gehört, es wäre ein F. dabei gewesen, aber ich weiß es nicht mehr. Das einzige Erinnerungszeichen an die Zeit trägt die Falleri noch um den Hals — ein Kreuzchen und den Trauring ihrer Mutter selig.“

„Ist das gewiß?“

„Wenn sie ihn ihr nicht im Zuchthaus weggenommen haben“, nickte Brenner — „aber lassen Sie mich reden, oder ich komme nicht zu Ende. Die Falleri kam ins Gemeinde-Armenhaus. Armes Kind! Sie war hier wie verrathen und verkauft, und hat eine böse Zeit mit durchgemacht — aber nachher wurd’s noch schlimmer. Wie sie confirmirt worden, mußte sie natürlich in Dienst, und wie sie erst zu der Schulzin kam, hatte sie die Hölle auf Erden —“

„Armes, armes Kind!“

„Ja wohl, armes Kind! Ich mochte sie leiden und half ihr einmal aus der Verlegenheit, als sie ihr den Schmuck wegnehmen wollten, um ihr eine lappige Fahne zur Firmelung zu kaufen — und wie dankbar war sie mir dafür!“

Er schwieg eine Weile still, um wieder Athem zu schöpfen, denn das Reden griff ihn an, und fuhr endlich, leiser als vorher, fort:

„Ich hab’ auch ein Hundeleben geführt, so lange ich denken kann — ich weiß gar nicht, wie einem Menschen zu Muthe ist, den Jemand lieb hat, und herumgestoßen und getreten haben sie mich aus einer Ecke in die andere, bis ich endlich das wurde, was ich auch geblieben bin bis zur heutigen Stunde — ein Lump. Das Kind machte zuerst einen anderen Menschen aus mir, denn es hatte mich lieb, und von da an war’s, wenn ich sie nur mit Augen sah, als ob es immer und ewig dunkel um mich her gewesen wäre, und nun auf einmal hell würde. — Und weshalb war sie dankbar gegen mich? Lieber Gott, was hatte ich denn gethan? — weiter nichts als ein paar geräucherte Schinken gestohlen und von dem Ertrag ihren Confirmationsrock bezahlt! — Von da an wachte ich über sie, und das Herz drehte mir’s im Leib herum, wenn ich sah, wie sie behandelt wurde, wie sie von Tag zu Tag mehr abmagerte und elender und jammervoller aussah, und ich ihr doch nicht helfen konnte. Da kam das Aergste. Die Falleri hielt’s selber nicht mehr aus, wenn auch sonst kein Mucks, keine Klage über ihre Lippen kam. Sie lachte nie, wie andere Kinder, aber sie weinte auch nie, und was sie trug, trug sie still mit sich herum. Sie kündigte den Dienst beim Schulzen, und ich war schon lange mit mir einig, wie ich alles Das, was sie dort ausgestanden, wett machen wollte. Ich legte mich ins Bett und that, als ob ich sterbenskrank wäre, und wollte so etwa eine Woche liegen bleiben. Da kam eines Abends die Falleri herüber, um Abschied zu nehmen, das Gesicht zerschlagen, das arme schwache Kind mißhandelt und als Diebin aus dem Haus gejagt. So wanderte sie allein in die Nacht hinaus in die Stadt, um einen neuen Dienst zu suchen, und nun kocht’s auch bei mir über. Wie ich Alles im Bett wußte — denn der Nachtwächter schlief regelmäßig, bei schönem Wetter, unter der Linde — kroch ich leise aus meinem Fenster, ein paar Päckchen Schwefelhölzer hatte ich mir schon verschafft, schlich durch’s Dorf, machte dem Schulzen hinten in seiner Scheune ein hübsches Feuer an, und war richtig wieder in meinem Bett, ehe sie die Flamme spürten und Lärm machen konnten. Natürlich konnte kein Mensch glauben, ich wär’s gewesen, denn ich war ja nicht einmal im Stande aufzustehen, viel weniger ins Dorf zu laufen.“

„Und da fiel der Verdacht auf die Unglückliche“, rief der Offizier erschreckt.

„Hören Sie weiter“, sagte der Mann. „Des Schulzen Hof brannte nieder und noch ein paar andere Buden — wenn der Teufel erst einmal die Hand im Spiele hat, läßt er sich auch sein Vergnügen nicht so bald wieder stören. Wer war’s gewesen? Ich lachte schon ins Fäustchen. Da plötzlich brachten sie mir die Nachricht, sie hätten die Falleri, als des Brandes verdächtig, aufgegriffen. — Bah, dacht’ ich, die müssen sie auch wieder loslassen, denn beweisen konnten sie ihr nichts — wie ich aber nach einiger Zeit höre, sie hätt’s eingestanden, da litt’s mich nicht länger im Bett. — Ich wurde wieder gesund und machte mich hinüber, um selber mit ihr zu sprechen, denn meinetwegen sollte die Falleri wahrhaftig nicht ins Zuchthaus. Aber was war’s? Sie blieb dabei, sie hätt’s gethan. Wie sie von hier fort wäre, hätt’ sie das Feuer angelegt, und wolle nun ihre Strafe leiden. Was sollt’ ich jetzt thun? — Möglich war’s — gereizt hatten sie das arme Ding genug, um ein ganzes Dorf nieder zu brennen, und wenn ich es ihr auch bis dahin nicht zugetraut, sie konnt’s gethan und fast an derselben Stelle Feuer angelegt haben wie ich selber, hatt’ ich mich doch auch nicht dort aufgehalten, und war wie ein Donnerwetter wieder in meinen Bau gerutscht. Was sollt’ ich jetzt thun? Ich rieth ihr, die Aussage zu widerrufen, aber sie wollt’s nicht — sollt’ ich mich jetzt auch angeben, was hätt’s ihr genutzt? — dann hätten sie uns nur Beide zusammen eingespunnt. Ein merkwürdiges Zusammentreffen war’s, aber doch immer möglich, und da ich ihr nicht helfen konnte, ließ ich die Sache eben gehen.“