Und dort drunten sollte der wilde Jäger seinen Herd gehabt und Nachts seine Schaaren gesammelt haben und ausgefahren sein mit Hallo und Hussa und Rüdengebell! — Wer das einmal, so aus einem stillen Versteck, hätte mitansehen können!

„Hol’s der Henker!“ brummte Raischbach vor sich hin, indem er sich mit seinem rechten Ellbogen etwas tiefer in das Moos hineinbohrte, um bequemer zu liegen, „daß das nur Alles lauter Sagen sind und bloß die Großväter und Urgroßväter etwas Derartiges mit erlebt haben! Wenn das doch Unsereinem auch einmal begegnen könnte, daß man später im Stande wäre, seinen Kindern etwas davon zu erzählen. — Ja, seinen Kindern,“ setzte er in den Bart brummend hinzu — „damit hat’s auch noch Zeit — ein Forstgehülfe und heirathen. Ja, wenn einmal so ein hübsches Erdweible käm’, wie vor alten Zeiten manchmal — und Einem eine Schürze voll goldener Tannenzapfen brächte!“

Unwillkürlich griff seine Hand, ohne daß er mit dem Körper auch nur die geringste Bewegung gemacht hätte, nach der neben ihm liegenden Büchse, denn nicht weit von ihm knackte ein dürrer Zweig, als ob irgend ein schwerer Körper darauf getreten hätte. Herr Gott, wenn das „sein“ Bock gewesen wäre, der hier oben am Rand der Schlucht vielleicht spazieren ging und ihm derart von selber in’s Rohr lief. Der wäre jetzt recht gewesen, und im Nu hatte er alle anderen Gedanken vom wilden Jäger und Erdweible total vergessen und dachte nur an seine Jagd.

Jetzt knackte es wieder — das konnte ein Stück Wild, aber auch recht gut der Bock sein, und leise und vorsichtig drehte er den Kopf zur Seite, um nur erst einmal einen Schimmer von dem Nahenden zu bekommen.

„Alle Wetter!“ brummte er aber im nächsten Augenblick, als er etwas Buntes durch die Zweige schillern sah und jetzt enttäuscht erkannte, daß das auf keinen Fall sein Bock sein konnte, denn der trug kein buntfarbiges Tuch um sein Gehörn, — ob Einem die verwünschten Beerensucher und Holzleser nicht jeden Pirschgang verderben!

Unwillig richtete er sich in die Höhe, um die Nahenden mit einem Wetter anzufahren, was sie hier zu suchen hätten, brachte aber keinen Laut über die Lippen, als plötzlich ein reizendes Mädchen von kaum siebenzehn Jahren aus dem Gebüsch trat und bei seinem Anblick halb erschreckt halten blieb.

Merkwürdig! sie war in eine ganz fremdartige Tracht gekleidet, wie er ihr wenigstens hier in den Bergen noch nie begegnet, und sah dabei so blaß und wachsähnlich aus. Aber was für wundervolle Augen sie hatte, und wie groß und erstaunt sie ihn dabei ansah. Fürchtete sie sich vor ihm?

„Grüß Gott, Mädel!“ sagte der junge Forstmann, halb verdutzt ordentlich von der lieblichen Erscheinung, und sein Blick flog über sie hin — aber das war keine Beerensucherin oder Reisigsammlerin; sie trug keinen Korb, weder am Arm noch auf dem Rücken, sondern ging sogar, mitten in der Woche, in ihren Sonntagsstaat gekleidet.

„Grüß Gott!“ sagte die Jungfrau leise, und ihr Blick flog dabei nach dem Grund hinab, als ob sie sich einen Weg zur Flucht suche — „wo — wo kommt Ihr da auf einmal her?“