„Allerdings,“ sagte die Wirthin; „unsere Männer waren Brüder, und oft habe ich den meinigen von seinem Bruder Ferdinand sprechen hören.“
„Du großer Gott!“ seufzte die Fremde — aber wie es schien, mehr erschreckt als erfreut, „davon hatte ich freilich keine Ahnung, und was müssen Sie jetzt von mir denken, daß ich mich da gerade in meiner bedrängten Lage an Sie gewandt.“
„Lassen Sie sich das um Gottes Willen keine Sorge machen,“ sagte die Wirthin gutmüthig. „Erstlich thaten Sie es unbewußt, und dann verlangen Sie ja auch von mir gar keine Unterstützung. Sie bieten mir Ihre Arbeit gegen einen entsprechenden Gehalt, und die Verwandtschaft soll da wahrlich kein Hinderniß sein — wenn Sie selber sich nicht gedrückt dadurch fühlen. Aber da thäten Sie großes Unrecht,“ setzte sie fast herzlich hinzu, „denn ich hoffe, daß wir uns recht gut mit einander vertragen werden. Keine weitere Einrede, Frau Therese,“ lachte sie, „denn den Namen Müller müssen wir bei Seite lassen, sonst gäbe es nichts als Verwirrung im Haus; und jetzt kommen Sie mit mir, daß ich Ihnen gleich Ihr Zimmer anweisen und einen kurzen Ueberblick über Ihre Pflichten geben kann, alles Uebrige machen wir dann später in Ruhe ab, wenn Sie erst einmal bei mir eingezogen sind.“
Sie ließ auch in der That keine Einrede gelten, führte die Schwägerin selber hinüber in das für sie bestimmte freundliche Gemach, ließ ihre Sachen aus dem Gasthaus holen, in dem sie abgestiegen war, und versprach ihr dann, die ersten Tage mit ihr Alles gemeinschaftlich zu besorgen, damit sie sich erst in das Haus eingewöhne, nachher würde es nicht die geringste Schwierigkeit haben, wenn sie es allein besorgen sollte. Sie erzählte ihr dabei, daß sie allerdings die Absicht gehabt habe, die ganze Wirthschaft zu verpachten und sich vollständig von allen Geschäften zurückzuziehen, denn eigentlich gehöre zur richtigen Führung eines solchen Anwesens ein Mann, und da sie nicht wieder zu heirathen gedenke, wäre sie doch gezwungen, es mit der Zeit aufzugeben. Bis sie aber Jemanden gefunden habe, der ihr auch wirklich convenire, wolle sie es doch lieber selber fortführen, denn einmal habe sie es von ihren Eltern überkommen, und dann auch werfe es wirklich einen zu guten Nutzen ab, um es eben unnöthiger Weise und aus freien Stücken aufzugeben.
Das besorgt, ging sie wieder in ihr Zimmer hinüber und ließ Herrn Louis zu sich heraufrufen, der aber dem Befehl nicht eher Folge leistete, bis er sich in seiner eigenen Kammer davon überzeugt hatte, daß sein Chemisette tadellos sei und sein Toupet nichts zu wünschen übrig lasse. Dann meldete er sich bei der Frau.
„Louis,“ redete ihn diese an, ohne seine Toilette auch nur eines Blickes zu würdigen, denn sie war gerade mit der Durchsicht einiger Papiere beschäftigt; „ich habe heute eine Wirthschafterin in’s Haus genommen, die an meiner Statt die Leitung des Hotels übernimmt, und deren Anordnungen Sie in jeder Weise folgen werden. Haben Sie mich verstanden?“
„Madame!“ sagte Louis, durch diese Eröffnung nicht unerheblich bestürzt, denn diese Wendung lief seinen eigenen Hoffnungen und Wünschen schnurstracks entgegen.
„Nun?“ sagte diese und wandte den Kopf nach ihm um, „haben Sie vielleicht etwas dagegen einzuwenden?“