Wohl hatte er sich diese Rede, gerade den günstigen Zeitpunkt geduldig abwartend, oft und oft in seiner eigenen Stube und vor dem kleinen schmalen Spiegel einstudirt, aber dabei natürlich nur immer in sein eigenes unwiderstehliches Gesicht geschaut. Jetzt fand er sich aber der Wittwe selber gegenüber, und der Ausdruck ihrer Züge war dabei ein so wenig ermunternder, daß er den Faden vollständig verlor und gerade im entscheidenden Moment, wie schon erwähnt, gründlich stecken blieb.
„Sagen Sie mal, Louis,“ nahm da für ihn die Frau das Wort, seine poetische Rede mit einer höchst prosaischen Wendung unterbrechend, „Sie haben wohl heute zu Ihren Knackmandeln Rothwein getrunken? — oder sind Sie übergeschnappt? In beiden Fällen bleibt mir weder Zeit noch Lust, Ihren Unsinn anzuhören; haben Sie deshalb die Güte, sich wieder hinunter zu bemühen und Ihren Geschäften nachzugehen — wenn Sie es nicht vielleicht vorziehen sollten, sich in’s Bett zu legen. — Schon gut — Sie sehen, daß ich zu thun habe. Die neue Wirthschafterin heißt Frau Therese, und daß ich von ihr keine Klagen über Sie höre wie die bisherigen, — sonst müßte ich Sie Ihren übrigen brillanten Anerbietungen überlassen. Jetzt machen Sie, daß Sie hinunterkommen.“
Dieser letzte Befehl war zu deutlich, als daß er noch eine fernere Zögerung gestattet hätte, und Herr Louis, aus all’ seinen Himmeln gestürzt, und in einer Stimmung, in der er eine Welt hätte vergiften können, mußte wieder hinunter in das Gastzimmer und mit der Serviette unter dem Arm die Gäste fragen, ob sie zu ihrem Beefsteak Kartoffeln oder Salat wünschten.
Drittes Kapitel.
Oben in der Stube auf Nr. 36, saß indessen der „Particulier Müller“ und brütete über einem großen Gedanken.
„Das ist meine einzige Rettung,“ flüsterte er leise vor sich hin, indem er, den Kopf in die Hand gestützt, in der Sophaecke saß und wieder das Bild anstarrte, „wir sind uns immer so ähnlich gewesen, daß wir oft mit einander verwechselt wurden — ich habe sogar einmal für meinen Bruder unschuldiger Weise Prügel bekommen. — Wenn ich jetzt vor sie hinträte — wenn ich ihr sagte: Josephine kennst Du mich nicht mehr? Bin ich Dir so ganz fremd geworden? Hast Du Deinen Caspar in den wenigen Jahren schon vergessen? — Dann ist sie nicht mehr im Stand an eine Täuschung zu glauben. Die Zeit drängt dabei. — Der neuen Banden wegen, die sie fesseln, müssen die alten vor der Welt geheim gehalten werden. Ich ehre ihr Unglück — ich bin erbötig, mit dem ersten Schiff Europa zu verlassen und ihr in einem fremden Welttheil die Ruhe, den Frieden zu sichern, aber — mir fehlen dazu die Mittel. Fünfhundert Thaler setzen mich dazu in Stand, den für Beide nothwendigen Schritt zu thun — fünfhundert Thaler sind für sie eine Kleinigkeit — ihre alte Liebe kommt dazu — Reue über das Geschehene, was glücklicher Weise nicht mehr zu ändern ist, und morgen — kehre ich zu meiner armen Frau zurück und beginne mit dem Geld ein neues Geschäft. Ich will ja arbeiten, wenn mir nur die Hände nicht mehr gebunden sind, wenn ich mich erst wieder frei bewegen kann. Ich will das alte leichtsinnige Leben abschwören, ich will ein ordentlicher, fleißiger Mann werden, und das hier soll der letzte leichtsinnige Streich sein, den ich mache, darauf gebe ich mir selber Hand und Wort.“
Er war aufgesprungen und lief wohl noch eine Viertelstunde mit raschen Schritten in seinem Zimmer auf und ab.
Die Wirthin war zurückgekommen; von dem Hausmädchen hatte er es gehört, und es galt jetzt, keine Zeit mehr zu versäumen. Der Boden brannte ihm unter den Füßen, und je eher er sich dieser ihm drückend werdenden Lage entzog, desto besser. Außerdem wußte ja auch der Kellner, daß er die Frau vom Hause sprechen wolle, und würde ihm sicher, auf den schmächtigen Reisesack hin, keinen längeren Credit bewilligt haben.
Was er zu thun hatte, wußte er auch genau, und um das Eisen zu schmieden, so lange es heiß war, klingelte er dem Oberkellner und bat diesen, ihn bei der Frau zu melden — wenn sie ihn nämlich heut Abend noch annehmen wolle, denn es war indessen fast neun Uhr geworden. Herr Louis, eben nicht in der Laune, die Frau heute Abend noch einmal aufzusuchen, schüttelte aber dazu mit dem Kopf. Sie hatte schon vorhin über Kopfschmerzen geklagt und das Stubenmädchen ihr eben Camillenthee hinaufbringen müssen. Bei Nachtzeit machte man auch keiner Dame einen Besuch, und hatte es so lange Zeit gehabt, so konnte er auch ebenso gut bis morgen früh warten.