Eigentlich war ihm das nicht unlieb, denn im andern Fall hätte er an dem nämlichen Abend fortgemußt, und so stand ihm noch ein gutes Souper mit ein paar Flaschen Wein und ein vortreffliches Bett die Nacht zu Gebot. Die ganze Rechnung ging doch jetzt in einem hin, und es verstand sich von selbst, daß er unter solchen Umständen keinen Pfennig davon bezahlte. Damit also einverstanden, fragte er nur den Kellner, wann er die Frau morgen früh sprechen könnte, und als dieser ihm sagte, daß sie schon um sieben Uhr aufstände und um halb acht fertig angezogen wäre, ging er jetzt selber in den Speisesaal hinunter, um sein Abendbrot zu verzehren.

Lieschen, die Kellnerindienste mit versehen mußte, wenn viele Gäste da waren und dann besonders das Essen zu überwachen hatte, war gerade beschäftigt, dem Particulier Müller ein Couvert aufzulegen, und dieser hielt die Weinkarte in der Hand und studirte eben die Sorten nach, als die neue Wirthschafterin in den Saal kam, um Lieschen zu der Frau hinauf zu beordern. Sie trat auch bis zum Tisch, und Lieschen’s Schulter berührend, theilte sie ihr leise die empfangene Ordre mit, als ihr Blick zufällig auf den Gast fiel, dessen Gesicht von dem vor ihm stehenden Lichte hell beschienen wurde. Sie sah ihn stier an und jeder Blutstropfen verließ dabei ihre Wangen, aber fast unwillkürlich drehte sie sich auch von ihm ab und schritt in demselben Augenblick dem Ausgang wieder zu, als Müller aufsah und eben nur noch ihre fortschreitende Gestalt erkennen konnte. Aber er erschrak — war das die Wirthin gewesen?

„Wer war die Dame,“ fragte er rasch Herrn Louis, der eben mit dem als Vorspeise bestellten Caviar zu seinem Tisch trat.

„Dame —“ sagte aber Herr Louis, verächtlich die Nase rümpfend, indem er einen Blick über die Achseln hinter ihr herwarf, „schöne Dame — das war die neue Haushälterin, die hier die Wirthschaft führen soll — eine schöne Wirthschaft, die das werden wird, und ich wenigstens beabsichtige in nächster Zeit mein Bündel zu schnüren. Denke gar nicht daran, jeder Gans allergehorsamsten Diener zu spielen.“

Herr Louis war gereizt, da aber die neue Haushälterin Herrn Müller nicht im Geringsten interessirte, so machte er sich über den Caviar her, bestellte sich eine Flasche Markobrunner und fühlte sich bald so behaglich, wie sich ein Mann unter solchen Umständen nur fühlen kann.

Die neue Wirthschafterin hatte indessen kaum mit dem ihr folgenden Mädchen den Gang erreicht, als sie stehen blieb und sie fragte, ob sie den Herrn kenne, dem sie eben das Gedeck aufgelegt.

„Gewiß“ lautete die Antwort, „er logirt ja seit ein paar Tagen bei uns und hat auf die Madame gewartet, die er wegen irgend etwas sprechen muß.“

„Und die Frau weiß noch nicht, daß er hier ist?“

„Wenn’s ihr Herr Louis nicht heute Abend gesagt hat. Es war ja schon spät, wie sie ankam. Kennen Sie ihn?“

„Ich? — nein“, lautete die ausweichende Antwort, „aber machen Sie nur, daß Sie zur Frau hinaufkommen; sie hat schon zweimal nach Ihnen verlangt.“