Das Mädchen sprang die Treppe hinauf und Therese blieb mit zitternden Knien unten auf der ersten Stufe stehen. Das war ihr Mann gewesen — unter Tausenden hätte sie ihn im Nu herausgekannt, und ein Irrthum blieb unmöglich. Aber was um des Himmelswillen wollte er hier? — weshalb hatte er sie so böswillig verlassen, ja ihr nicht einmal einen einzigen kleinen Brief, nicht ein Wort des Trostes gesandt, daß er noch lebe und daß es ihm gut gehe. Und weshalb war sie jetzt vor ihm geflohen? — wußte sie es doch selber nicht. Im ersten Augenblick hatte sie ihm an die Brust fliegen wollen, aber dann wieder trieb sie eben so rasch ein ganz eigenes scheues Gefühl von ihm zurück. Sie mußte sich ja erst fassen; sie mußte erst überdenken, was sie thun, wie sie handeln sollte. Und wenn sie jetzt zurückkehrte und auf ihn zutrat und sagte: „Ferdinand, wo bist Du so lange geblieben? Was hab’ ich Dir zu Leide gethan, daß Du mich in Kummer und Elend allein gelassen hast?“ — Aber das ging nicht — die vielen fremden Menschen um sie her. Und sollte sie ihn nicht anreden? Das durfte sie ja doch auch nicht, denn war er nicht möglicherweise selbst in diesem Augenblick auf dem Weg, um sie selber aufzusuchen, und freute er sich nicht vielleicht eben so sehr, sie wieder zu haben, wie ihr Herz ihm noch immer entgegenschlug, trotz allem Herzeleid was er ihr angethan?

Aber sie wollte jetzt nicht übereilt handeln. Er wohnte ja hier im Hause, diese Nacht verließ er dasselbe keinesfalls. Er hatte sie ja auch nicht einmal gesehen und konnte keine Ahnung haben, daß sie ihm so nahe wäre — o, wie weh ihr das im Herzen that, daß sie glauben mußte, er könne sie fliehen, wenn er um ihre Anwesenheit wüßte. — So wollte sie denn vor allen Dingen mit ihrer Schwägerin sprechen und diese um Rath fragen; das schien eine verständige, resolute Frau zu sein, und wenn er sie morgen aufsuchte, konnte sie ihm vielleicht am besten ins Herz reden, daß er sein armes Weib nicht gar so elend machte.

Sie war auch in der That nicht im Stande, dies Gefühl noch die ganze Nacht auf dem Herzen zu behalten, ohne sich ausgesprochen zu haben, und ging ohne Weiteres zu der Frau hinauf, um dieser ihre Entdeckung mitzutheilen.

Frau Müller war eben im Begriff, sich niederzulegen, denn sie fühlte sich von der heutigen Reise ermüdet und angegriffen. Nichtsdestoweniger hörte sie mit großer Aufmerksamkeit die Neuigkeit an und schüttelte nur dann und wann mit dem Kopf, denn sie konnte sich nicht denken, was den Mann veranlaßt haben mochte, sich um seine eigene Frau gar nicht mehr zu bekümmern, und hierher zu kommen. Daß sie sich nicht in der Person geirrt haben könne, betheuerte Frau Therese wieder und wieder, wenn sie auch nur einen einzigen Blick auf den Mann geworfen; es war nicht möglich und eben auch nicht wahrscheinlich. Lieschen wurde jetzt nach dem Fremdenbuch geschickt, aber das gab ihnen ebenfalls keinen Aufschluß: „Müller, Particulier, Hamburg, zum Vergnügen.“ Mit solchen Nachrichten beruhigt sich wohl die Polizei die alle „vergnügten“ Menschen als harmlos betrachtet, so lange sie nicht zu vergnügt werden und ihren Mitmenschen die Fenster einwerfen; aber den beiden Frauen konnte dieser Selbstbericht nicht genügen, ja, machte sie eher noch verwirrter. — War der Mann denn wirklich ein Particulier geworden? — Das Contobuch, das sich Madame ebenfalls heraufbringen ließ, bestätigte wenigstens, daß er in ein paar Tagen schon sehr viel Geld verzehrt — aber wo in aller Welt hatte er dann in der kurzen Zeit das Vermögen herbekommen, und weshalb war er nicht schon lange zu seiner Frau zurückgekehrt? — Es half nichts, daß sie sich Beide den Kopf darüber zerbrachen.

„Das Einzige, was wir thun können“, sagte die Frau endlich zu Theresen, „ist, daß wir erst einmal morgen früh hören, was er will. Ich lasse Sie dann wissen, wann er bei mir ist, und Sie bleiben so lange auf Ihrer Stube, bis ich Sie herüber rufe. Bis dahin aber halten Sie sich ihm lieber aus dem Weg und gehen deßhalb heute Abend nicht mehr in das Wirthszimmer hinunter.“ Dabei blieb es.

Herr Particulier Müller hatte indessen sein Abendbrot unten beendet, und wie das mit uns sehr häufig geschieht, daß wir, in welcher Lage wir auch immer uns befinden mögen, eine Art von Genugthuung, ja stiller Heiterkeit über uns kommen fühlen, wenn wir zu irgend einem festen Entschluß in einer wichtigen Angelegenheit gelangt sind, so kam es auch Herrn Müller vor, als ob ein drückendes Gewicht von ihm genommen wäre und er jetzt erst wieder, nach langer Zeit, frei aufathmen dürfe. Er beschloß also diesen „letzten Abend“ im Hotel — denn morgen um diese Zeit war er wer weiß wie weit — auch noch würdig zu feiern, und da ein Glas Wein, oder selbst eine ganze Flasche, bekannter Weise nicht schmeckt, wenn man sie allein trinken soll, so war er genöthigt, aus Mangel weiterer Bekanntschaft den stets bereiten Louis wieder zuzuziehen.

Unter anderen Verhältnissen würde indessen Herr Louis Bedenken getragen haben, dem fremden Gast — wenn er auch mit dem Nimbus eines Particulier umgeben auftrat — auf den schmächtigen Reisesack hin weiteren und gewissermaßen unbegrenzten Credit zu gestatten, denn seine Rechnung war schon ganz bedenklich aufgelaufen. Heute aber, in der gereizten Stimmung, in der er sich befand, und über düsteren, unheilsvollen Zukunftsplänen brütend, schien er nur zu sehr geneigt, kleine Hindernisse als nicht bestehend zu betrachten. Wenn die Welt zu Grunde gegangen wäre, was lag heute Herrn Louis daran, und wie konnte es ihm, von solchen Ideen erfüllt, da auf ein paar Flaschen Wein mehr oder weniger ankommen?

Außerdem war die Frau heute Abend unwohl und keine Gefahr also, daß sie noch einmal herunter kommen könne. So saßen denn die beiden würdigen Leute wieder bis Nachts zwölf Uhr bei ihrem Glas Wein, und da sich der Particulier Müller heute bei sehr guter Laune fühlte und Herr Louis zuletzt davon angesteckt wurde, so erzählten sie sich Anekdoten und lustige Streiche aus ihrem oder anderer Leute Leben, und wurden zuletzt so cordial zusammen, daß der Oberkellner endlich die unausweichlichen Knackmandeln zum Vorschein brachte und der Gast in höchst liebenswürdiger Weise nicht eins, nein, einen ganzen Teller voll Vielliebchen mit ihm verzehrte.

Viertes Kapitel.