Wenn der Particulier Müller aber auch bis tief in die Nacht hinein geschwärmt hatte, so war er doch trotzdem am frühen Morgen wieder auf, denn heute galt es, den entscheidenden Streich zu führen — länger hätte er sich auch überdieß nicht in dem Hotel halten können, und je früher am Morgen er damit begann, desto rascher kam er damit zu Ende. Eine Nacht durfte er keinesfalls noch nachher im Hause bleiben.

Am vorigen Abend schon hatte er sich von seinem Freund, dem Oberkellner, ein Rasirmesser geborgt, und wie es nur eben hell geworden war, um die Operation vorzunehmen, klingelte er um seinen Kaffee und etwas heißes Wasser, verschloß dann seine Thür und stutzte und rasirte sich seinen Bart genau so, wie ihn das Portrait über der Kommode trug. Auch die Haare ordnete er sich in ähnlicher Art, und als er sich nachher im Spiegel mit dem Bild verglich, mußte er sich selber eingestehen, daß die Aehnlichkeit eine vollkommene sei. Er konnte gar nicht verfehlen, den Eindruck zu machen, den er beabsichtigte.

Die einzige Schwierigkeit war jetzt, in das Zimmer seiner Schwägerin zu kommen, ohne dem Oberkellner vorher zu begegnen, denn Müller zweifelte keinen Augenblick daran, daß diesem die Aehnlichkeit mit dem Bilde ebenfalls auffallen müsse. Schlug der aber vor der Zeit Lärm, so war die Sache kein Geheimniß mehr und dann vollkommen werthlos; seiner Schwägerin wäre es nicht mehr eingefallen ihn abzukaufen. Uebrigens hatte er sich schon am vorigen Tag den Gang gemerkt, durch welchen er in das Zimmer der Frau gelangen konnte, ohne vorher die Treppe hinunter und an der andern Seite wieder hinauf zu steigen. Aber vorher mußte er sich melden lassen und dazu blieb ihm keine andere Person erreichbar als der Hausknecht. Nur ob er ihn dazu bewegen konnte, war die Frage, denn bis jetzt hatte er aus dem Burschen noch keine drei Worte herausbekommen. Doch der Versuch mußte gemacht werden.

Die Thurmuhr — eine eigene Uhr besaß Herr Müller schon lange nicht mehr — schlug eben acht, als er diesem würdigen Individuum klingelte. Bald darauf erschien er mit drei oder vier Paar Stiefeln unter den Armen, machte die Thür auf, rief herein: „Komme gleich!“ und verschwand dann wieder, um die betreffenden Fußbekleidungen an ihre entsprechenden Nummern abzuliefern. Nach einiger Zeit aber kehrte er wirklich, mit der Kleiderbürste in der Hand, zurück — denn was Anderes konnte man von ihm verlangen? — blieb in der Thür stehen und sagte, sich überall nach einem auszubürstenden Kleidungsstücke umsehend:

„Na, wo is es?“

„Wo ist was?“ fragte Herr Müller, der sich indessen sein rothseidenes Taschentuch vor das Gesicht hielt, damit der Bursche nicht sein verändertes Aussehen bemerken sollte.

„Nu, der Rock oder die Hose,“ erwiderte der Bursche, „oder soll ich Ihnen vielleicht einen Zahn ausreißen, denn Sie halten ja das Gesicht so fest zu.“

„Bitte, lieber Freund,“ sagte aber Herr Müller, „thun Sie mir doch den Gefallen und gehen Sie einmal hinüber zur Wirthin —“

„Geht mich nichts an,“ brummte aber der Hausknecht, indem er sich wandte, um das Zimmer wieder zu verlassen; „das ist dem Kellner, dem Mosche Luih seine Sache. Wenn ich ihn sehe, will ich ihn heraufschicken.“ Er stand schon wieder auf der Schwelle, aber der Fremde griff in die Westentasche, und das war eine Bewegung, die er nur zu gut kannte und der er noch nie im Leben hatte widerstehen können.

„Lieber Freund,“ wiederholte auch jetzt der Fremde, indem er ihm ein Fünfgroschenstück in die Hand drückte — es war das letzte, das er sein nannte — „hätten Sie wohl die Freundlichkeit, für mich hinüber zu gehen? Ich vertraue Ihnen die Bestellung lieber an.“