„Na, man ist ja kein Unmensch,“ sagte der Hausknecht, indem er das Geldstück besah und in seine eigene Tasche gleiten ließ, „und was soll ich drüben?“
Herr Müller trug schon seit gestern eine Karte bei sich, die er sich ebenfalls von dem Kellner erbeten. Auf dieser hatte er mit Fractur — um seine Handschrift nicht zu verrathen — den Namen „Caspar Müller“ geschrieben und die Karte dann in einem Couvert versiegelt.
„Hier, diese Karte,“ sagte er jetzt, das Papier dem Hausknecht gebend, „tragen Sie gleich zu Ihrer Madame hinüber und sagen Sie ihr, der Herr, dessen Namen da drinnen stände, wünsche sie augenblicklich zu sprechen, da er ihr etwas Wichtiges mitzutheilen habe. Verstanden?“
„Hm,“ sagte der Hausknecht und besah sich den kleinen Brief von allen Seiten, „da steht ja gar nichts oben drauf.“
„Ist auch gar nicht nöthig. Sie wissen ja doch, wem Sie es übergeben sollen.“
„Na, schön,“ erwiderte der Bursche, indem er das Couvert in seine Westentasche zu dem Fünfgroschenstück schob, „werde es nachher besorgen, wenn ich hier mit meiner Seite fertig bin.“
„Wenn Sie nicht gleich hinüber gehen, kann es mir nichts helfen,“ sagte aber Herr Müller ruhig, „dann seien Sie so gut und geben Sie mir den Brief und die fünf Groschen wieder — die mag dann das Hausmädchen verdienen.“
„Ne, das kann ich auch,“ meinte aber der jetzt gefügige Geselle, denn schon eingestecktes Geld wieder herauszugeben, ging doch unmöglich an; „wenn die Geschichte so eilig ist, mag sie ihn gleich haben, und Nummer 28 bis 19 muß eben warten, bis ich wiederkomme,“ und dabei drehte er sich auf dem Absatz herum und ließ Herrn Müller jetzt zwar nicht mit Zahnschmerzen, aber doch in einem Grad von Aufregung zurück, der ihm das Herz wie ein Hammer in der Brust pochen machte und den Angstschweiß auf die Stirn trieb.
Die Würfel waren aber auch jetzt gefallen; der Stein rollte, die Kugel war aus dem Lauf, und keine Macht der Welt konnte sie wieder zurückbringen. Der Name Caspar Müller bereitete die Frau auf Alles vor, was sie zu erwarten hatte, und seine eigene Erscheinung nachher mußte jedem etwa auftauchenden Zweifel ein Ende machen. Keinesfalls wies sie auch das einzige Rettungsmittel von der Hand, das er ihr bot. Was konnte ihr an den paar Hundert Thalern liegen, wo es ja den häuslichen Frieden ihres ganzen Lebens galt. Und doch war ihm nicht recht behaglich dabei zu Muthe, denn er dachte an seine eigene Frau — was diese dazu sagen würde, wenn sie es wüßte, dachte an den Betrug den er spielte, und mochte er ihn auch beschönigen wie er wollte, es blieb doch immer nur ein Raub, den er verübte.
Aber konnte er etwa anders? Zwang ihn denn nicht die baare, blanke Noth zu diesem Schritt, und hätte er nicht etwa gar stehlen müssen, um sich nur am Leben zu erhalten, wenn ihm dieser Versuch fehl schlug? — Stehlen? — Und war das hier etwa besser wie stehlen? einer armen, alleinstehenden Frau, die sich nicht zu rathen und zu helfen wußte, ja seiner eigenen Schwägerin eine Summe Geldes durch eine Lüge abzupressen? Er mochte den Blick nicht zu dem Spiegel aufheben, an dem er vorüberschritt, so schämte er sich vor sich selber, und unruhig horchte er wieder und wieder an der Thür, ob denn die Antwort noch nicht bald käme, daß er endlich von seinen peinlichen Gedanken und Selbstvorwürfen erlöst würde. Und immer wieder horchte er vergebens, denn so vollkommen vorbereitet die Wirthin auch auf den Empfang des Ferdinand Müller gewesen war, so unerwartet traf sie die Meldung des Namens ihres eigenen verstorbenen Mannes, und so bestürzt war sie darüber, daß ihre Bewegung nicht einmal dem sonst fast stumpfsinnigen Hausknecht entgehen konnte.