„Und was für Antwort soll ich auf Nummer 36 bringen?“ fragte dieser endlich, als die Wirthin noch immer wie gebannt auf den verhängnißvollen Namen starrte, „er wartet d’rauf.“

„Ich — ich werde ihn nachher rufen lassen,“ sagte die Frau, sich gewaltsam sammelnd, „aber jetzt — schicken Sie mir einmal gleich die neue Wirthschafterin herauf — hören Sie? Ich ließe sie bitten, den Augenblick zu mir zu kommen, ich hätte ihr — doch schon gut — sagen Sie ihr nur, daß sie augenblicklich kommt.“

Der Hausknecht drehte sich um, diesen neuen Auftrag auszuführen und dann seine übrigen Stiefel fertig zu putzen. Die fünf Groschen hatte er verdient und Nr. 36 jetzt weiter nichts zu thun, als eben zu warten, bis er gerufen würde. Wie blaß aber die Frau geworden war, als sie den Brief gelesen! was da wohl d’rin gestanden haben mochte — gewiß war Jemand gestorben, doch was ging das ihn an; er sollte die Wirthschafterin rufen, und war das geschehen, so hatte er auch mit der ganzen Geschichte nichts weiter zu thun.

Nur wenige Minuten vergingen bis Frau Therese bei ihrer neu entdeckten Schwägerin erschien, und was für wirre, peinigende Gedanken waren dieser indessen durch Herz und Hirn gezuckt und hatten ihr Brust wie Seele eingeschnürt, daß sie kaum athmen konnte. — Wenn sich die Frau nun gestern Abend geirrt — wenn sie, durch die Aehnlichkeit getäuscht, ihren eigenen Mann, den Caspar Müller, den sie die langen, langen Jahre für todt und verloren geglaubt, für den ihrigen gehalten hätte — wenn er jetzt wiederkommen — plötzlich zu ihr in’s Zimmer treten sollte. — Sie konnte den Gedanken nicht gleich fassen, denn zu plötzlich, zu überraschend schnell war das Alles sich gefolgt, und rathlos, die Hände gefaltet, den Kopf gesenkt, ging sie noch mit raschen Schritten in ihrem Zimmer auf und ab, als sich die Thür öffnete und ihre Schwägerin den Raum betrat.

„Sie haben mich zu sprechen gewünscht,“ sagte sie leise und sah sich scheu im Zimmer um, denn sie hoffte halb, halb fürchtete sie, ihren Gatten hier zu treffen, aber die Wirthin schob ihr nur die Karte hin und „Caspar Müller“ las sie verwundert. Sie wußte nicht, was sie daraus machen solle — wie das mit dem was sie erwartete zusammenhing — „Caspar Müller? Wer ist das? War das nicht Ihres Mannes Name?“

Meines Mannes,“ bestätigte die Frau, „und diese Karte hat mir der Fremde eben herübergeschickt, den Sie gestern Abend in der Wirthsstube gesehen und für Ihren Mann gehalten haben.“

„Diese Karte? — aber sein Vorname ist Ferdinand.“

„Und wissen Sie bestimmt, daß Sie sich nicht getäuscht? Die beiden Brüder sollen sich immer ähnlich gesehen haben, und nie, nie konnte ich bestimmte Nachricht von dem Tod meines Gatten erhalten. Er war nur verschollen, und wie Andere, die mit ihm todtgesagt gewesen, wieder nach einiger Zeit in Europa und in dem Kreis der Ihrigen erschienen, so kann ja auch er zum Leben zurückgekehrt und mir erhalten sein.“

Therese seufzte tief auf, aber mit dem Kopf schüttelnd, sagte sie leise: „Und wenn es Zwillingsbrüder gewesen wären, ich hätte sie von einander gekannt, wenn ich sie so gesehen, wie gestern Abend meinen Mann. O, Gott wollte ich recht von Herzen und auf meinen Knien danken, wenn Ihnen der Gatte zurückgegeben würde, aber der, den ich gestern Abend gesehen habe, war es nicht.“