„Und sind Sie davon fest und sicher überzeugt?“ fragte die Wirthin.
„Ich wollte den heiligsten und schwersten Eid darauf ablegen, aber“ fuhr sie fort, „wir haben noch ein anderes Mittel, uns zu überzeugen. Dort liegt noch das Fremdenbuch von gestern Abend und meines Mannes Handschrift. Hier —“ und sie nahm ihr Notizbuch aus der Tasche — „ist der letzte Brief, den ich von ihm erhalten habe. Sie selber besitzen doch auch noch jedenfalls die Unterschrift ihres Mannes aus früherer Zeit — vergleichen Sie die drei Proben mit einander, und Sie werden bald selber keinen Zweifel mehr hegen.“
„Sie haben Recht,“ rief die Wittwe rasch, indem sie ein kleines Ebenholzkästchen aufschloß und ein Packet Briefe herausnahm. „Die Unterschrift muß jeden Zweifel lösen, und jetzt werden wir gleich sehen, woran wir sind.“ Sie hatte mit den Worten schon einen Brief herausgenommen und geöffnet, aber die Schrift ihres verstorbenen Mannes hatte auch nicht die entfernteste Aehnlichkeit mit dem in dem Fremdenbuch eingetragenen Namen, während das Wort Müller in jeder Einzelheit mit der Handschrift von Theresens Gatten correspondirte.
„Sie sehen selber, daß ich Recht habe,“ sagte Therese, „es bleibt kein Zweifel mehr, es ist mein Mann; aber dann begreife ich nicht, wie er dazu kam, Ihnen diese Karte zu schicken, die er selber geschrieben haben muß.“
„Ich begreife es aber desto besser,“ sagte die Wittwe, deren Brauen sich finster zusammenzogen, während sie, beide Hände aus den Tisch gestützt, noch immer die Handschriften mit einander verglich, oder wenigstens darauf niederstarrte, „doch davon werden wir uns selber überzeugen, wenn wir den Herrn erst gesprochen haben,“ sagte sie plötzlich, indem sie sich wieder aufrichtete und ihre Briefe verschloß. „Bitte, liebe Therese, nehmen Sie ihren Brief wieder an sich und das Fremdenbuch vor der Hand mit auf Ihr Zimmer, das Sie auch nicht verlassen dürfen, bis ich Sie selber von dorther rufe. Wir wollen so wenig wie möglich fremde Menschen bei der Sache haben.“
„Aber mein Mann —“
„Schicken Sie das Hausmädchen hinüber auf Nummer 36 und lassen Sie den Herrn bitten, sich zu mir zu bemühen. Sagen Sie auch dem Mädchen, daß sie ihn gleich selber zu mir führt; er möchte den Weg nicht wissen, obgleich ich fast vermuthe, er hat sich schon danach umgesehen. Und dem Mädchen tragen Sie dann auf, augenblicklich wieder zu Ihnen zu kommen, damit sie mir hier nicht am Zimmer horcht. Es wäre vielleicht besser, Sie sähen sich selber nach ihr um, denn Sie können ja in Ihrem Zimmer hören, wenn sie dort vorbeigehen.“
„Und wollen Sie ihm sagen, daß ich hier, daß ich bei Ihnen bin?“
„Erst müssen wir vor allen Dingen erfahren, was ihn selber zu mir führt, danach werden wir unsere anderen Maßregeln zu ergreifen haben. Also vergessen Sie nicht, was ich Ihnen gesagt habe, und nun fort, denn ich fürchte fast, Herr Müller da drüben, welchen Vornamen er nun auch trägt, wird indessen ungeduldig geworden sein.“