Therese verließ das Zimmer, um die erhaltenen Befehle auszuführen, wenn sie auch noch immer nicht begriff, auf was das Alles hinauslaufen sollte. Weit rascher hatte dagegen die Wirthin des Fremden Absicht aufgefaßt, denn von Jugend auf gewohnt, mit einer Menge der verschiedensten Menschen zu verkehren, und diese nicht immer von ihrer Lichtseite kennen zu lernen, war schon lange bei allen zweifelhaften Fällen stets ihr erster Gedanke, daß das Ganze auf eine Gelderpressung hinauslief, und Erfahrung hatte sie gelehrt, wie sie unter zehn Fällen sieben- oder achtmal Recht gehabt. Und doch blieb ihr hierbei räthselhaft und unbegreiflich, auf welche Weise ihr Schwager — und daß er es sei, bezweifelte sie jetzt selber nicht mehr, seitdem sie die Handschriften miteinander verglichen — beabsichtigt habe, seine Rolle durchzuführen. Wenn er sich für ihren verstorbenen Mann ausgab, mußte er doch auch darauf gefaßt sein, dafür zu gelten, und dann jeden Tag fast eine Entdeckung des begangenen Frevels fürchten. — Daß Herr Louis aus ihm selber am besten bekannten Gründen ihr einen zweiten Mann angedichtet hatte, wußte sie ja gar nicht.
Doch Alles mußte sich ja bald zeigen, denn Müller, der indessen drüben auf Nr. 36 wie auf Kohlen gestanden und gewartet hatte, folgte der Einladung augenblicklich — das Mädchen konnte kaum Schritt mit ihm halten, und schon hörte sie ihn draußen auf dem Gang.
„Herein!“ Die Thür öffnete sich und die Wittwe, die völlig darauf gefaßt gewesen war, den beabsichtigten Betrug mit einem Blick zu durchschauen, stieß unwillkürlich einen leisen Schreckensschrei aus, als ihr Gatte — ihr Caspar, wie sie ihn zuletzt gesehen, wie sie ihn immer noch im Gedächtniß trug, auf der Schwelle stand und ihr die Hand entgegen streckte. Aber vorsichtig zog er mit der andern dabei die Thür hinter sich zu, denn das Mädchen brauchte von der Erkennungsscene nichts zu sehen, und mit langsamen Schritten kam er jetzt auf die Frau zu, die sich vor Schreck und Ueberraschung am Tisch festhalten mußte um nicht in die Knie zu sinken.
Herr Müller beging dabei einen Fehler. Er warf einen, wenn auch nur flüchtigen Blick durch das Zimmer, um sich zu überzeugen, ob Niemand Anderes zugegen wäre, aber er fiel damit aus der Rolle, denn den wirklichen Mann hätte in einem solchen Augenblick die Gegenwart von hundert Zeugen nicht gekümmert.
Zu jeder andern Zeit hätte auch die Frau wohl schwerlich diesen Mißgriff übersehen, aber dieser erste Moment der Ueberraschung war zu groß für sie gewesen und wirkte zu bewältigend. Als ob sie eine Erscheinung sähe, starrte sie ihn an, und Müller, dem der gemachte Eindruck nicht entgehen konnte, sah sein Spiel gewonnen. So auf die Frau zugehend und sie in seine Arme nehmend, sagte er leise und zärtlich:
„Josephine — kennst Du mich nicht mehr?“
Die Frau duldete die Umarmung; Wahrheit und Täuschung schien hier so eng verkettet, daß sie sich nicht im Stande fühlte, beide gleich von einander zu trennen. Wie stark auch die feste Ueberzeugung der letzteren gewesen sein mochte, das, was lebend und athmend vor ihr stand, rief mit der Erinnerung vergangener Zeiten Alles wieder wach, was die langen Jahre in ihrem Herzen todt und begraben gelegen, und ihren Kopf auf seine Brust legend, flüsterte sie:
„O, Caspar, Caspar, bist Du es denn wirklich? — ja, Du mußt es sein. Therese hat sich geirrt,“ fuhr sie fast leidenschaftlich fort. „Du heißt nicht Ferdinand, und die schwere, schwere Zeit, die ich durchlebt, ist jetzt vorbei. Jetzt bleibst Du bei mir und verläßt mich nie, nie wieder!“
„Therese — Ferdinand — nie wieder verlassen?“ Herrn Müller überkam bei den Worten ein ganz eigenes, unbehagliches Gefühl, denn während die ersten Namen den unbestimmten Verdacht einer Entdeckung in ihm wach riefen, war dieser leidenschaftliche Jubel, mit dem ihn die Frau umschlang, nicht die Empfindung gewesen, auf die er seine ganze Hoffnung gesetzt. Die Frau mußte in dem ersten Glück des Wiedersehens ganz vergessen haben, daß sie schon wieder verheirathet sei. Auf diese Wendung gar nicht vorbereitet, wußte er auch in der That nicht gleich, wie er sich dabei benehmen sollte, und erwiderte nur, in aller Verlegenheit, desto feuriger die Umarmung.