„Und wo, um Gotteswillen, bist Du so lange gewesen?“ fuhr die Frau endlich fort, indem sie sich fast gewaltsam von ihm losmachte, und ihn auf Armeslänge von sich haltend, aufmerksam betrachtete, „wo warst Du, daß nicht eine Zeile von Dir mich erreichen und aufrichten konnte?“

„Ach, mein Herz,“ sagte Herr Müller, für diese Frage völlig gerüstet, „in jener Schreckensnacht, als ich auf einem Stück Holz im Meere schwamm, fischte mich ein Wallfischfänger auf und nahm mich mit auf seiner Tour in die Südsee. Die erste Nacht war ich bewußtlos, und später konnte er mich des schlechten Wetters wegen nicht mehr aussetzen. Oben im Eismeer aber froren wir ein — o, ich habe schreckliche Zeiten mit durchgemacht, und als wir endlich loskamen und ich ein anderes Schiff fand, das mich heimführen sollte, scheiterten wir zum zweiten Mal an der russischen Küste — und wie schwer es ist, von dort wegzukommen — glaubt gar Niemand — der nicht selber dort gewesen.“

Die Frau hatte ihn, während er sprach, fest und aufmerksam betrachtet, und so sicher er sich in seinem eigenen Zimmer gefühlt, als er sich dieses Zusammentreffen ausmalte, so unsicher machte ihn jetzt das auf ihm haftende Auge. Er brachte die letzten Worte nur langsam heraus. — Weshalb sah ihn aber auch die Frau nur so stier an. Diese hörte aber kaum, was er sprach, denn jetzt, in ruhiger Beobachtung, begann der Zauber zu weichen, der sie zuerst befangen gehalten.

Wie sie den Mann hatte in ihre Stube treten sehen und in der ganzen Gestalt, in den Zügen, ja selbst in seinen Bewegungen das getreue Abbild ihres Gatten erkannte, da allerdings überwältigte sie ihr Gefühl, und der erste unwillkürliche Eindruck war, daß der Todte wirklich zum Leben erstanden sei. Jetzt aber, während vielleicht unbewußt der fremde Klang der Stimme das Seinige dazu beitrug und ihr Auge unmittelbar an den Zügen dessen haftete, der hier als ihr Gatte auftrat, kehrte zuerst der Gedanke an einen möglichen Betrug zurück, wurde das Mißtrauen geweckt, und eine Menge Kleinigkeiten mußten es bestätigen.

Das vor ihr waren die Züge des Gatten, aber sie waren es auch wieder nicht; die blauen Augen desselben hatte er, ja, aber dennoch lag etwas in deren Ausdruck, das sie früher nie gekannt und das ihr fremd blieb. Auch um die Nase lag ein fremder Zug, und die Narbe, — wo war die kleine aber tiefe Narbe geblieben, die er sich einst bei einem Sturz, gerade über dem rechten Auge geholt? Jetzt blieb kein Zweifel mehr, alles Andere konnte sich verändert haben, aber die Narbe nicht, und der vor ihr Stehende war ein Betrüger.

Mit dem Bewußtsein gewann aber auch die überdies resolute Frau ihre ganze Ruhe wieder, und so rasch ihr die Gedanken durch das Gehirn zuckten, hielt sie den einen doch fest, daß sie erst die Absicht des Betrügers erforschen wollte, ehe sie ihn entlarvte.

Herr Müller hörte indessen kaum selber was er sprach, denn die beiden Worte: Therese und Ferdinand schallten ihm noch in den Ohren und erfüllten ihn mit einem ganz eigenen Unbehagen. Therese — Ferdinand, wie um Gotteswillen kam die Frau gerade in diesem Augenblick auf die beiden Namen; aber was konnte sie auch von ihm wissen? Nichts auf der Welt! Darin fühlte er sich vollkommen sicher, und jetzt nur, um einer Scene ein Ende zu machen, die er, wie er fast fürchtete, nicht lange würde durchführen können, setzte er leise und wie vorwurfsvoll hinzu:

„Aber wär’ ich doch nur dort geblieben — wär’ ich dort nur umgekommen, — daß ich Dich so wiederfinden mußte.“

„So?“ wiederholte die Frau, die nicht gleich begriff, was er damit meinte; „so wiederfinden?“