„Verehrte Frau —“ stammelte Herr Müller, der sich in diesem Augenblick wohl klaftertief unter die Erde wünschte.
„Es ist schon gut — vorher wünschte ich, daß Sie sich genauer auf Ihren Vornamen besinnen, um jedes weitere Mißverständniß zu vermeiden, es ist das wesentlich nothwendig; nachher wird unsere Auseinandersetzung auch so viel leichter werden.“ Und ohne weiter eine Antwort abzuwarten, schloß sie ihr Schlafzimmer auf, trat hinein und drückte die Thür wieder hinter sich in’s Schloß.
Therese war indessen an der einen Seite der Stube auf einen Stuhl gesunken, während ihr Mann noch auf der anderen zerknirscht und in einander gebrochen stand. Keines sprach ein Wort, während aber Müller’s Blick nur dann und wann scheu und furchtsam zu der schwer gekränkten Frau aufzuckte, hing dieser Blick voll und traurig an der halbabgewandten Gestalt des Gatten, und die großen hellen Thränen tropften ihr dabei schwer und langsam in den Schooß. Da hielt sich Müller nicht länger. Kein Wort des Vorwurfs war über ihre Lippen gekommen, aber ihr bleiches, schmerzdurchfurchtes Antlitz sprach viel deutlicher, als je Worte es hätten ausdrücken können, das Leid, das sie ertragen, und auf sie zugehend, warf er sich vor ihr auf die Knie, schlang seine Arme um ihre Hüften und weinte wie ein Kind.
Herr Louis hätte draußen gern noch eine kleine Weile an der Thür gehorcht, denn ganz unerklärlich blieb ihm einestheils das Betragen der Frau, daß sie ihm, ihm den Dienst kündigen konnte, und dann kam ihm auch jetzt auf einmal das Gesicht des Fremden so merkwürdig bekannt vor. Wo in aller Welt war er dem schon einmal früher begegnet? Die Physiognomie desselben beschäftigte ihn auch in der That so ausschließlich, daß er hinab in die Wirthsstube ging und dort ganz in Gedanken eine halbe Flasche Wein hinunterstürzte und nachher, sich fortwährend mit dem linken Zeigefinger die Stirn reibend, wieder die Treppe und nach Nr. 36 hinaufstieg. Er wollte dort weiter nichts, als zusehen, ob der Fremde wieder auf seinem Zimmer sei oder — ob wenigstens sein Reisesack noch dort stände.
Diesen fand er allerdings, und zwar fertig gepackt, als aber sein Blick noch im Zimmer umherschweifte, um vielleicht etwas zu entdecken, was ihm vielleicht nur die leiseste Andeutung über den immer räthselhafter werdenden Menschen geben konnte, fiel sein Blick zufällig auf das Bild über der Kommode, und mit einem einzigen Satz war er mitten in der Stube und vor dem Portrait.
„Herr Du meine Güte!“ rief er aber hier, wie vor den Kopf geschlagen, aus, „wo ich denn nur meine Augen — wo ich denn nur meinen Verstand gehabt habe, daß mir das nicht gleich auf den ersten Blick eingefallen ist. Der Mann! der Mann! heilig und wahrhaftig wie er leibt und lebt! Aber weshalb er sich da versteckt hat? — sicher nur, um mir auszuweichen und das Vielliebchen nicht zu verlieren. Ja,“ setzte Herr Louis mit einem triumphirenden Lächeln hinzu, „daß ihm das nichts half, hätte ich ihm vorhersagen wollen, denn der müßte verwünscht früh aufstehen, der mich in einem —“
„Guten Morgen, Vielliebchen!“ sagte in diesem Augenblick eine Stimme dicht hinter ihm, und eine leichte Hand berührte seine Schulter. „Das war gewonnen, und jetzt möchten Sie einmal hinunter kommen; da ist ein Herr unten, der eine Flasche Wein verlangt. — Herr Louis entschuldigen, daß ich so frei war.“
Herr Louis fuhr, wie von einer Tarantel gestochen, herum, und sah in das spöttisch und lachend zu ihm aufgehobene Gesicht des Stubenmädchens, die ihm jetzt einen tiefen Knix machte. Das hatte ihm noch zu all’ dem Herzeleid dieses Morgens gefehlt.
„Fräulein Lieschen,“ sagte er, indem er sich entrüstet gegen sie wandte, „in einem solchen Moment ist es keine Kunst —“
„Was, Herr Louis?“