„Hat ihn schon!“ rief er, indem er ein paar Schritte zur Seite trat und den Vorhang halb lüftete. „Guten Morgen, Vielliebchen!“ rief er aber schon im nächsten Augenblick, als er nun die gestreiften Hosen unter dem Kattun entdeckte. Die nächsten Frauenröcke dabei zurückschlagend, blickte er aber, auf’s Aeußerste erstaunt, in ein vollkommen fremdes, unbekanntes Gesicht, denn seitdem er sich rasirt, hatte er den Particulier Müller ja gar nicht wieder gesehen, während dieser den Burschen hätte erwürgen können. Der Frau aber, die das Ganze rasch übersah, lag gar nichts daran, daß Herr Louis Zeuge irgend einer Familienscene sein sollte; so, während Herr Müller verlegen aus seinem Versteck vortrat, denn was half seit seiner Entdeckung ein längeres Verbergen, sagte sie ruhig:

„Herr Louis —“

„Madame befehlen?“

„Ist das der Herr von Nummer 36?“

„Bitte tausendmal um Entschuldigung —“ stotterte der Oberkellner, „jedenfalls hat er die Hosen von Nummer 36 an, aber — aber im Gesicht sieht er ganz anders aus.“

„Gut, dann gehen Sie hinunter in die Wirthsstube und verlassen Sie dieselbe nicht wieder, bis ich selber hinabkomme. Wir werden den Herrn hier selber examiniren. Den Hausknecht schicken Sie auf den Gang herauf; er soll dort warten, bis ich ihm weitere Befehle gebe, da es sein könnte, daß er gebraucht wird.“

„Zu Befehl, Madame,“ sagte der Oberkellner, aber immer noch, ohne sich von der Stelle zu regen, und mit einem halb zweifelhaften, halb unentschlossenen Blick auf Nr. 36.

„Nun, worauf warten Sie noch?“

Der Oberkellner machte eine halbe Schwenkung. Es blieb ihm hier gar zu viel noch räthselhaft, und besonders hätte er gern gewußt, ob er sein Vielliebchen gewonnen oder nicht, denn das abrasirte Gesicht des Gastes kannte er in der That nicht wieder. Dem so direct gegebenen Befehl mußte er aber auch gehorchen, und kaum hatte er das Zimmer verlassen, als Madame Müller hinter ihm den Riegel vorschob.

„Herr Ferdinand Müller,“ sagte sie dabei, indem sie sich ruhig, wenn auch ernst, an den Ertappten wandte, denn alles weitere Zurückhalten war jetzt unnöthig, „Sie sind mein Gefangener, und ich lasse Ihnen vor der Hand diese Ihnen bekannte Dame als Kerkermeisterin. So weit ich vermuthen darf, hat sie jedenfalls das erste Anrecht, Ihre Erklärungen entgegen zu nehmen. In einer halben Stunde werde ich dann zurück sein, um zu hören, was Sie mir selber zu sagen haben, denn Sie müssen es begreiflich finden, daß ich eine etwas nähere Auseinandersetzung der mir zugedachten Ueberraschung erwarten darf.“