„Hier ist er nicht hinunter,“ versicherte aber die Wittwe vollkommen beruhigt, als sie einen Blick hinab geworfen. „Er wird den Augenblick benutzt haben, als ich das Zimmer verließ, und hoffentlich ist er noch im Hause, denn das war meine Absicht nicht.“
„Und wenn er nun durch jene Thür geflüchtet wäre,“ sagte Therese, die einen Blick im Zimmer umhergeworfen.
„Durch jene? Die ist verschlossen,“ erwiderte die Frau und ging hinüber, um die Thür zu versuchen. Ihr Kleid streifte den Versteckten, während sie davorstand. „Nein, noch kann er aber das Haus nicht verlassen haben. — Lieschen! Louis!“ rief sie dann, rasch zur Thür tretend, so laut sie rufen konnte, und zog dabei aus Leibeskräften an der Klingel.
Herr Louis — in dem drückenden Gefühl, bei einer entwürdigenden Handlung erwischt zu sein, kam mit einer Flasche Sodawasser in der einen und zwei Gläsern in der anderen Hand wie ein Pfeil die Treppe heraufgeschossen, und die Hausmagd, die eben nebenan die Zimmer reinigte, erschien ebenfalls mit ganz verdutztem Gesicht in der Thür, während Lieschen von dem anderen Gang herbeistürzte.
„Hat Niemand von Euch den Fremden von Nr. 36 gesehen?“
„Er war hier im Zimmer, als Sie vor der Thür standen,“ rief der Oberkellner und nahm dabei eine Stellung an, als ob er eben im Begriff sei, einen körperlichen Eid darauf abzulegen.
„Aber er kann doch nicht durch die Luft davongeflogen sein. Lieschen spring einmal nach Nummer 36 hinüber — er darf nicht fort, ehe ich mit ihm gesprochen habe. Katharine, Du gehst an die Hausthür, und ruf den Hausknecht, wenn er mit Gewalt hinaus will.“
„Ob ich mir nicht gedacht habe, daß er durchbrennen würde,“ brummte Herr Louis vor sich hin, während er Flasche und Gläser auf den Tisch setzte; dabei aber fiel sein Blick zufällig auf den Vorhang, der eine, wenn auch nur ganz unbedeutende Bewegung machte, und unten daran erkannte er eine Fußbekleidung, die keinenfalls ein Eigenthum der Wirthin sein konnte.
„Wenn der Stiefel nicht auf Nr. 36 gehört,“ betheuerte sich Herr Louis im Stillen, „so will ich mein Leben lang Wasser trinken.“
„Nun, was stehen Sie da wieder in Gedanken,“ rief ihn die Frau ungeduldig an, „machen Sie, daß Sie mit hinunter kommen und den Fremden finden.“