„Bitte tausendmal um Entschuldigung, Madame“, stotterte der verdutzte Bursche, indem er seine Serviette zu einem Strick zusammendrehte, „ich suchte Herrn — Herrn Particulier Müller, mit dem ich —“

„Schon gut, ich will nichts weiter hören. Bringen Sie jetzt rasch einmal eine Flasche Sodawasser herauf — aber beeilen Sie sich!“

Der Oberkellner fuhr die Treppe hinunter, als ob er elektrisirt worden wäre, und die Wittwe, sich jetzt zu der dicht hinter ihr folgenden Schwägerin wendend, sagte freundlich:

„Fassen Sie sich nur, liebe Therese — ein Glas Sodawasser wird Ihnen wohl thun, und mir zu Liebe stellen Sie sich nur im ersten Augenblick, als ob Sie Ihren Mann nicht kennen. Ich möchte doch gern noch sehen, wie er sich dabei benehmen wird. Nur Muth — er darf keine Schwäche an Ihnen merken,“ und dabei ergriff sie die Thür und öffnete dieselbe.

Herr Müller indessen hatte, ehe er einen festen Entschluß fassen konnte, die Stimme der Frau schon wieder draußen auf dem Gang gehört und dort hinaus konnte er nicht mehr entkommen. Einen verzweifelten Blick warf er durch das Fenster, aber ein Sprung von zwei Etagen Tiefe war unausführbar; er hätte rettungslos das Genick gebrochen, und nur als letzte Zuflucht zeigte sich ihm eine andere Thür — das Schlafzimmer der Wittwe. Aber es schien, als ob heute die Hölle alle ihre Diener gegen ihn ausgesandt, daß er rettungslos zu Grunde gehen solle, denn die Thür war verschlossen, und schon hörte er die Stimme der Frau vor dem Zimmer.

Dicht neben der Kammerthür war ein Gestell angebracht, an dem Kleider hingen, und um den Staub von ihnen abzuhalten, ein kattuner Vorhang darüber befestigt. Wenn er darunter fuhr? Sie hätten ihn gewiß nicht im Zimmer gesucht, sondern geglaubt, daß er es schon verlassen habe, und suchten sie ihn unten oder auf Nr. 36, so behielt er auch sicher Zeit, ungesehen zu entkommen. Diese Gedanken fuhren ihm aber nur so blitzesschnell durch’s Hirn, denn wie eine bedrohte Maus in das erste beste Loch hineinfährt, nur um vor der Hand einmal aus Sicht zu kommen, so schlüpfte er in dem einen Gefühl, nur um dem Blick seiner schwer gekränkten Frau zu entgehen, unter den Vorhang und rührte und regte sich dort nicht, damit ihn das Rauschen desselben nicht verrathen möge.

Im nächsten Moment öffnete sich die Thür und Madame blieb etwas überrascht auf der Schwelle stehen, als sie ihren angeblichen Mann nirgends mehr im Zimmer erblickte.

„Fort?“ sagte sie, indem sie staunend umher sah, „ohne Abschied, und das Fenster offen? Der Unglückliche wird doch um des Himmelswillen nicht den rasenden Sprung gewagt haben?“

Sie flog auf das Fenster zu und sah hinaus, während Therese in Todesangst und mit gefalteten Händen auf der Schwelle stehen blieb.

„O Du großer, allmächtiger Gott,“ stöhnte die arme Frau, „wenn ihn die Furcht vor mir in den Tod getrieben hätte, ich könnte ja mein ganzes Leben lang nicht wieder froh werden!“