„Du — bist nicht wieder verheirathet?“ sagte Herr Müller, und in der Frage lag in der That weit weniger Entzücken, wie diese Entdeckung eigentlich hätte erregen sollen.

„Nein, Caspar, sicher nicht — o, wie konntest Du das glauben. Nein, wahrlich nicht auf’s Neue verheirathet, aber glücklich — ja selig, Dich nach so langer Zeit wieder zu haben. Ich wollte auch schon unsere Wirthschaft ganz aufgeben,“ fuhr sie, seinen Arm erfassend, fort, „ich hatte keine Lust, keine Liebe mehr zu dem Geschäft, und da ich mich in der That zu schwach fühlte, dem weiten Anwesen vorzustehen, so ließ ich mir Deines Bruders Frau, Therese, von Breslau herüberkommen, um mich darin zu unterstützen. Dein armer Bruder ist ja auch schon weit über ein Jahr verschollen, und die unglückliche Frau wandte sich in ihrem größten Elend an mich um Rath und Hülfe.“

„Und Therese ist hier?“ sagte Herr Müller, und es war ihm in dem Augenblick, als ob ihm der Boden unter den Füßen weggezogen würde.

„Sie ist nebenan in ihrem Zimmer,“ setzte die Frau rasch hinzu, und hätte sie noch den geringsten Zweifel gehabt, daß der vor ihr Stehende nicht ihr Mann, sondern ihr Schwager sei, so würde ihn der Schreck, der augenscheinlich in den Zügen des Ertappten lag, vollständig gehoben haben; „laß mich sie rufen, daß sie sich mit mir freut.“

„Nicht jetzt — nicht jetzt, beste — Josephine“, wehrte aber Herr Müller ab, indem er ihren Arm ergriff und festhielt, „diese erste Stunde unseres Wiedersehns müssen wir auch allein — unter uns feiern. Ich — ich — bin zu glücklich, zu selig —“

„Nein, nein,“ rief aber die Wittwe, sich von ihm losmachend, „die arme, unglückliche Frau hat gestern den ganzen Tag geweint, und ich will heute nur glückliche Menschen um mich sehen. Sie wird sich mit uns freuen und dadurch glücklich sein. Warte nur einen Augenblick, ich bin gleich wieder bei Dir,“ und trotzdem, daß Herr Müller noch einen Versuch machte, sie mit Bitten zurückzuhalten, sprang sie aus dem Zimmer und ließ den armen Teufel, ein wahres Bild des Jammers und der Verzweiflung, zurück.

Was nun? — er hatte noch nie in seinem Leben so schnell herüber und hinüber gedacht. Die Rückkunft der beiden Frauen erwarten und dann vor beiden wie ein ertappter Verbrecher stehen? — unmöglich! Aber fort? — wohin? und seine Frau hier? — Jetzt war Alles verloren — und dieser verfluchte Oberkellner, der ihn durch seine schändlichen Lügen allein zu diesem Schritt verleitet, war an Allem schuld. Aber kam er auch glücklich aus dem Hause, was dann? — überall starrte ihm Elend und Verzweiflung entgegen — aber immer noch lieber Elend und Verzweiflung getragen, ehe er in diesem Augenblick seiner Frau begegnete. Er war ein leichtsinniger Mensch, aber nicht schlecht, und so viel Ehrgefühl ihm immer noch geblieben, daß er die Schande brennend fühlte, die er sich selber angethan, wenn er jetzt vor seiner Frau und Schwägerin als ertappter Betrüger stand. Also fort — gleichviel wohin, und wenn er sich in irgend einer fremden Stadt als Tagelöhner verdingen, wenn er sein Brot vor den Thüren erbetteln sollte, wo ihn die Welt nicht kannte — nur jetzt, jetzt fort aus diesem Haus.

Mit raschen, geräuschlosen Schritten eilte er nach der Thür, die ein kleines ovales Fenster, innen mit einem leichten Vorhang bedeckt, trug. Durch dieses konnte er vorher einen Blick auf den Gang werfen, ob die Luft rein sei, erschreckt aber fuhr er zurück, denn draußen, nicht drei Schritt von der Thür entfernt, stand Herr Louis. Hatte den die Frau dort hingestellt, um ihn zu bewachen?

Das war allerdings nicht der Fall, und Herr Louis in Wirklichkeit ebenso erschreckt gewesen den Vorhang zurückgehen zu sehen, wie er selber, denn jenes würdige Individuum hatte einen freien Augenblick unten einmal benutzt, um zu versuchen, ob er nicht erhorchen könne, was hier oben vorginge, da ihm kein Mensch ein Wort davon sagte. Im ersten Moment glaubte er auch wirklich, es sei die Frau selber, die ihn beim Spioniren ertappt, und seine erste unwillkürliche Bewegung drängte ihn von der Thür hinweg. Als sich aber der Vorhang hob, hatte sein scharfes Auge doch den Particulier Müller erkannt, und wie dieser ebenso rasch verschwand, als er erschienen war, ging es ihm auf einmal wie ein Licht auf, daß sich der Fremde nur da drinnen versteckt habe, um ihm seine Vielliebchen abzugewinnen. Mit einem Satz war er wieder an der Thür, um womöglich durch den dünnen Vorhang oder das Schlüsselloch zu erkennen, was Jener da drinnen treibe, als er auf sehr unerwartete und plötzliche Weise gestört wurde. An der anderen Seite des Ganges öffnete sich nämlich eine Thür, und der entsetzte Oberkellner sah sich plötzlich der Frau gegenüber, die ihn rasch ärgerlich fragte:

„Nun? was haben Sie da an meiner Thür zu horchen, Mosje? Hab’ ich Sie endlich einmal dabei erwischt? Solche Leute kann ich nicht in meinem Dienst brauchen. Sie verstehen doch, was ich damit sagen will, und am Ersten dürfen Sie sich nach einer anderen Stellung umsehen.“