Es bedarf keiner Worte weiter, das Glück der beiden Menschen zu schildern. Müller freilich war tief beschämt über so viel Liebe und Güte, denn er fühlte recht gut, wie wenig er das Alles verdient und wie unwürdig jedes Vertrauens er sich eigentlich gemacht hatte; aber von Herzen gut, und mit dem festen Vorsatz, ein anderer, besserer Mensch zu werden, fühlte er auch die Kraft in sich, den Platz auszufüllen, auf den er jetzt gestellt wurde, und die Zukunft zeigte, daß die Wittwe ihr gutes Werk nie zu bereuen hatte.

Am meisten überrascht war allerdings Herr Louis über die Wendung, die das Ganze genommen, und deren Ursache er sich noch immer nicht erklären konnte, und er baute auch jetzt neue Hoffnungen darauf, daß ihn sein „alter Freund“ nicht im Stich lassen würde. Herr Müller hatte aber schon zu viel von der Thätigkeit des Burschen als Oberkellner gesehen, und war überhaupt gewillt, keine Leute zu zahlen, deren Dienst er selber versehen konnte. So blieb die Entlassung des Oberkellners bestätigt, und dieser verließ am Ersten des nächsten Monats — sein Herz mit Bitterkeit gegen die Undankbarkeit des Menschengeschlechts im Allgemeinen und Herrn Müller’s im Besonderen gefüllt — das Haus.

„Hotel Müller“ aber schien unter der neuen Herrschaft nicht schlechter zu fahren. Müller selber war Tag und Nacht auf dem Posten, und ein so aufmerksamer Wirth, wie sich nur wünschen ließ. Ja, als er zehn Jahre den mäßigen Pacht gezahlt, war er sogar im Stande, das ganze Anwesen seiner Schwägerin abzukaufen, und wenn auch jetzt in seiner eigenen Stube das Bild des Bruders hing, daß es ihn immer an jenen Fehltritt mahnen sollte, brauchte er es doch nicht mehr, um ihn vor einem Rückfall zu bewahren.

Ein freundlicher Empfang.
Eine californische Skizze.

Im Jahre 49, nach dem ersten Anprall der Goldsucher in Californien, lag der Hafen von San Francisco — so groß und geräumig er ist — fast gefüllt von leeren und selbst ihrer Mannschaft entblößten Schiffen, und Fahrzeuge wären zu dem billigsten Preis zu bekommen gewesen, wenn sie nur irgend jemand hätte gebrauchen können. Wie sie aber — wenn wirklich gekauft — fort bekommen? Denn Seeleute forderten einen gar nicht zu bezahlenden Preis für die kleinste Fahrt, weil den Leuten noch überall der erst später gehobene Goldschwindel in den Köpfen stak. Nicht allein die Matrosen waren von sehr vielen Schiffen fort und in die Minen gelaufen, nein, von manchen sogar Steuermann wie Kapitän, und die Fahrzeuge ritten dann einfach vor ihrem Anker, bis es einem oder dem anderen beliebigen Herumtreiber einfiel, sich in Besitz zu setzen, und angeblich das Fahrzeug vor dem „a drift“ gehen zu bewahren.

So lag auch die l’Abeille, ein hübsches französisches Schiff, in der Bai, auf der sich ganz gemüthlich zwei amerikanische Rowdies niedergelassen und später, als der Kapitän endlich zurückkehrte, eine enorme Forderung für „Tagesgelder“ an ihn stellten, weil sie behaupteten, das Schiff wäre verloren gewesen, wenn sie nicht mit Aufopferung all ihrer Zeit und Kräfte einen Nothanker ausgeworfen und das schon treibende Fahrzeug aufgehalten hätten. — Was konnte er machen? — Er mußte zahlen, wenn er sein Schiff wieder haben wollte, denn ein Prozeß gegen zwei Amerikaner hätte ihm zu jener Zeit mehr gekostet, als die ganze Brigg werth war — und dann noch vielleicht ohne Resultat.

So lag auch ein deutsches Fahrzeug in der Bai, die Gesine Mengsen, ein großes Barkschiff, das Bauholz gebracht und seine Ladung nur hatte um die Fracht verkaufen müssen. Diesem waren ebenfalls sämmtliche Leute davongelaufen, bis selbst auf den Steward, Koch und zweiten Steuermann, und nur der erste Steuermann und Kapitän an Bord geblieben. Aber auch diese weniger aus Gewissenhaftigkeit, als weil sie nichts mehr haßten, als Bergeklettern und Hacken und Graben, und an den Goldschwindel vielleicht nicht einmal recht glaubten. Außerdem war dem Kapitän eine ganz außerordentlich reiche Fracht nach den Sandwichs-Inseln versprochen, wenn er nur halbwege Mannschaft auftreiben konnte, und er gab sich dazu in der That die größte Mühe — wenn auch viele Wochen lang vergeblich.

Indessen hielten er und der Steuermann abwechselnd die Wacht über Nacht an Bord, denn einer von ihnen blieb immer an Land bei Bekannten. Verlassen durften sie das Schiff aber nicht, da sie recht gut wußten, wie viel Gesindel sich am Land und auch in der Bai herumtrieb, und nur auf eine Gelegenheit wartete, um Beute zu machen. Denen wäre das noch reichlich mit Provisionen und Getränken gefüllte Fahrzeug ein fetter und willkommener Bissen gewesen. Wer von ihnen deßhalb auch zurückblieb, hatte seinen Revolver scharf geladen im Gürtel stecken und schlief an Deck, um augenblicklich bei der Hand zu sein, sobald ihn das geringste Geräusch störte. War es des Kapitäns Abend, so fühlte sich dieser auch vollkommen beruhigt, daß ihm nichts passirte, denn er wußte mit Feuerwaffen vortrefflich umzugehen und schlief auch außerdem sehr leicht. Nicht so sicher hielt er aber das Fahrzeug unter der Obhut des Steuermanns, der allerdings ebenfalls einen Revolver trug, aber von Schießgewehren eigentlich nicht viel wissen wollte und sich deßhalb auch noch eine alte Wallfischlanze verschafft hatte, die er, der größeren Sicherheit wegen, Abends neben seine Matratze legte.