Der Kapitän ermahnte ihn allerdings öfters seinen Revolver nachzusehen, und er mußte ihn auch ein paarmal in seiner Gegenwart abschießen und frisch laden, aber er traute ihm deßhalb doch nicht, denn der Steuermann nahm immer die Zündhütchen herunter, weil er fürchtete, daß ihm das „Blitzding“ einmal von selber losgehen könne. Heute fuhr übrigens der Kapitän wieder an Land, und zwar waren ihm von einem Handlungshaus drei Matrosen versprochen worden, die er mitnehmen konnte, wenn er ihnen nämlich Beköstigung garantirte, bis er seine volle oder wenigstens nöthige Mannschaft beisammen hatte. Das machte ihm aber wenig Sorge; denn bekam er nur die drei gewiß, und dann noch zwei dazu, so getraute er sich schon mit denen nach den Sandwichs-Inseln, wo es nachher indianische Matrosen in Menge gab, hinüber zu fahren.

Er verließ sein Schiff auch heute etwas früher als gewöhnlich und schärfte dem Obersteuermann, ehe er in seine Jolle stieg, noch einmal ausdrücklich ein: ja recht Acht zu haben und besonders seinen Revolver nicht unten in der Coye zu lassen. Es waren gerade wieder am gestrigen Abend zwei Mordthaten in San Francisco verübt worden, und das Volk sprach schon davon, das Gesetz in die eigene Hand zu nehmen, da sich die Gerichte viel zu schwach und machtlos erwiesen.

Der Steuermann nickte seine volle Zustimmung zu allem, was sein Kapitän sagte, dachte aber bei sich: „mach Du nur, daß Du von Bord kommst, nachher werde ich das Andere schon allein besorgen.“ Er konnte nämlich die Zeit nicht erwarten, wo er ganz ungestört heiß Wasser ansetzen und einen famosen Grog für sich brauen durfte, denn der Kapitän lebte entsetzlich mäßig und haßte alle starken Getränke dermaßen, daß er sogar Abends nicht einmal mehr als eine Tasse schwachen Thee trank. Sein Steuermann bekannte sich aber zu der entgegengesetzten Lehre.

Jetzt war der Kapitän fort, und Bohmeier, wie der Steuermann hieß, lehnte noch eine Weile an der Schanzkleidung und sah ihm nach, bis er zwischen den anderen Fahrzeugen mit seinem kleinen Boot verschwunden war; dann drehte er sich um, rieb sich vergnügt die Hände und schritt nun auch ohne weiteres zur Cambüse hinüber, um sich dort Feuer und heiß Wasser zu machen. Weßhalb hätten sie auch hier an Bord nicht gut leben wollen? denn erhielten sie beide, er und der Kapitän, nicht durch ihr alleiniges Dableiben den Rhedern daheim das ganze Schiff und retteten ihnen so ein sehr bedeutendes Kapital? — Nachher kam es auf ein paar Flaschen Rum und Cognac auch nicht an, und die Güte konnte er sich besonders thun, da der Kapitän — wunderlicher Heiliger — nicht einmal trank.

Darin hatte Bohmeier auch in der That vollkommen Recht. Die Rheder würden ihnen die paar Flaschen wahrlich nicht mißgönnt haben, noch dazu, da er selber zwar sehr viel, aber doch nie zu viel trank und seiner Pflicht stets genügen konnte. Der Steuermann machte sich deßhalb auch keine Gewissensscrupel, und wie er seinen Grog fertig hatte, nahm er sich einen tüchtigen Blechtopf voll davon mit auf’s Quarterdeck, wo er sich ganz behaglich einen Stuhl und Tisch hingerückt hatte, und trank und betrachtete sich dabei die wundervolle Bai und die wunderliche Zeltstadt, die dicht an deren Ufer wie aus dem Boden herausschoß und täglich neue Keime trieb.

Es war auch in der That ein reizendes Bild, und etwas Friedlicheres, als diese Scenerie, und etwas Wilderes, Ungeordneteres, als die ganze Staffage dazu, hätte man sich kaum denken können. Vor ihm lag die lange, etwas kahl aussehende Hügelkette der Küstenberge, auf denen der dort oben fast ununterbrochen wehende Wind eine eigentliche Vegetation nicht aufkommen ließ; links aber, wo sich die Bai zu schließen schien, und nur ein schmaler Arm dort einbog, der hinauf nach den Mündungen des Sacramento und San Joaquin führte, waren die Gebirge mit hochstämmigen Bäumen bedeckt. Besonders im Rücken, wenn er den Kopf danach wandte, konnte er mächtige Cedern auf dem höchsten Kamm erkennen, während sich rechts von ihm, mit wirklich pittoresken Conturen, die Berge gegen die Ausfahrt des Hafens, des golden gate, zusammen schlossen.

Und wie belebt sah die prachtvolle Bai selber aus, und doch wie ungleich einem anderen Hafen. Da lagen hunderte von Schiffen jeder Art, vom kleinen Schooner bis zum vollen Schiff, und unaufhörlich noch kamen Segel ein — aber fast keines verließ den Hafen wieder, und wie mit Zauberbanden schienen die weiten Berge all die zahllosen abgetakelten und meist verlassenen Seeboote zu umfangen — es war der Zauber des Goldes.

Dort lag ein Schiff — eine Brigg, schmutzig von außen und beinahe farblos, wie nach langer stürmischer Fahrt, mit seinen Segeln noch an den Raaen fest, eines aber, das große Bramsegel, hatte sich gelöst; an der Backbordseite flatterte und schlug es in der frischen Brise, und der Mann an Deck, der dort die Wacht hatte — vielleicht der einzige an Bord — warf wohl manchmal den Blick hinauf, denn das ewige Flappen mochte ihn geniren, war aber jedenfalls zu faul, um hinaufzusteigen und es abzuändern. — Gleich daneben lag ein ganz keck aussehender, schwarz gemalter Schooner, aber mit vollkommen kahlen Masten, an dem nur noch die nothwendigsten Wanten und Stage stehen geblieben waren, um die Masten zu halten; sonst hatte man ihn rein und sauber ausgeplündert.

Links davon ankerte der Rumpf eines alten Schiffes — ob es die Masten in einem Sturm verloren, ob man sie hier abgehackt und vielleicht zu Feuerholz verwandt, wer wußte es, wer kümmerte sich darum! Jetzt wurde es von einem der Geschäftshäuser zu einem Lagerschiff benützt, und an Deck hatte man eine Art von Haus gebaut, was ihm ein wunderliches Ansehen gab. Dort drüben lag eine schmucke Hamburger Bark, daneben ein Chilene, da ein Fahrzeug von den Sandwichs-Inseln, dort ein Ostindienfahrer, mit Engländern, Franzosen, Italienern, Spaniern, Mexikanern dazwischen. Aber alle Schiffe sahen todt und verlassen aus, die eben einkommenden ausgenommen, und das einzige Leben in diese Gruppe von „Leichen“ brachten eine Menge kleine Boote, die dazwischen herumfuhren und herüber und hinüber kreuzten.

Bohmeier sah dem Treiben in aller Gemüthlichkeit zu und trank dabei seinen Grog und rauchte eine Cigarre nach der anderen, bis es endlich zu dämmern anfing und der hier sehr starke Nachtthau naß auf Deck hernieder fiel. Dann ging er vor allen Dingen wieder in die Cambüse, um erst noch einmal ein paar Stücke Kohlen nachzulegen und etwas mehr heißes Wasser zu bekommen, und machte sich nachher sein gewöhnliches Lager auf Deck zurecht. Er spannte zu dem Zweck eines der kleinen Segel schräg auf, daß er bequem und geschützt darunter liegen konnte, zog sich dann seine Matratze und Bettzeug herauf und ging nun erst an die Bereitung seines Abendbrods, die aber nur geringe Zeit in Anspruch nahm. „Wo ein Brauhaus steht, kann kein Backhaus stehen,“ ist ein altes Sprichwort. Bohmeier trank viel und aß dafür wenig.