Es war spät geworden — in der Stadt konnte er allerdings noch an vielen Orten Licht erkennen, aber die Bai lag still und öde und nichts Lebendes zeigte sich mehr darauf. Nur dann und wann konnte er, nach der oder jener Richtung hin, den Anruf von einem oder dem anderen Schiff hören und oft sogar das Anscheuern des Bootes an den Rumpf desselben unterscheiden. Auf einem der heute eingelaufenen Fahrzeuge wurden sogar noch die „Glasen“ angeschlagen, was man auf den anderen längst unterlassen — es klang ordentlich heimisch.
Der frische Grog, den sich der Steuermann gebraut, schmeckte ganz ausgezeichnet, war nur ein klein wenig zu stark geworden — aber besser zu stark, als zu schwach. Sagte doch schon jener nordamerikanische Indianer: „Zu viel Whiskey ist gerade genug.“ Bohmeier dachte ebenso, und da er genau wußte, wie viel er ungestraft vertragen konnte, machte er sich auch keine Sorgen darüber. Er verzehrte sein frugales Abendbrod, stellte dann sein letztes Glas Grog neben seine Matratze als „Schlaftrunk“, wie er es immer nannte, und zündete die Wachtlampe an, die jeden Abend an der Nagelbank vor dem großen Mast aufgehangen wurde, da man nie wußte, wie rasch man einmal Licht gebrauchte; jedenfalls war es eine ihm vom Kapitän besonders eingeschärfte Maßregel. Seine Harpune lehnte rechts daneben, daß er sie leicht im Griff hatte, und das Futteral mit dem Revolver lag ebenfalls schon auf seiner Matratze — er brauchte nur die Schnalle der Deckklappe zu öffnen und hatte ihn dann im Griff — wenn er ihn eben haben wollte.
Uebrigens fürchtete er für sich nicht die geringste Gefahr. Es waren allerdings schon einige Ueberfälle und Beraubungen von Schiffen vorgekommen — man erzählte sich wenigstens davon — aber vor längerer Zeit, nicht in den letzten Monaten, und dann wäre es auch keinem so leicht geworden, ohne Geräusch an dem ziemlich hohen Schiff hinauf zu klettern; dem Kapitän, wenn der Morgens zurückkehrte, mußte er ja so immer die Fallreepstreppe niederlassen. Bohmeier dachte auch an nichts Derartiges, streckte sich behaglich auf seiner Matratze aus und rauchte und trank, bis er zuletzt müde wurde, den Cigarrenstummel weg und über Bord schleuderte — er hörte ihn ordentlich zischen, als er auf’s Wasser traf — und sich dann ruhig auf die Seite legte. — Lieber Gott, wenn ein Mensch den ganzen Tag nichts zu thun hat, verlangt er doch auch Nachts seine Ruhe.
Es dauerte in der That gar nicht lange, so nahm ihn Morpheus — nach dem poetischen Sprachgebrauch — in die Arme, und wie lange er so geschlafen hatte, wußte er eigentlich nicht. Plötzlich war es ihm, als ob er seinen Namen rufen höre — einmal, zweimal, dreimal — und wieder und wieder. Er glaubte dabei, er träume, schien sich aber auch wieder seines Schlafes bewußt und brauchte in der That eine geraume Zeit, um sich selber munter zu bekommen. Endlich hatte er diese Art von Betäubung, die auch vielleicht von dem Grog herrührend auf ihm lag, abgeschüttelt und richtete sich rasch, ja fast erschreckt, empor. — Er horchte. Drüben auf dem heute eingekommenen Bremer Schiff schlugen sie vier Glasen — war das erst zehn Uhr Abends oder zwei Uhr Morgens? Ehe er aber nur ausgezählt und sich selber Rechenschaft über eine mögliche Zeitbestimmung geben konnte, traf ein anderes Geräusch sein Ohr, das ihn bestürzt zusammenfahren machte.
Unten, an seinem Schiff scheuerte ein Boot — er fühlte es mehr, als er es hörte, denn es ist ganz eigenthümlich, wie deutlich das fest ineinander gefügte Holz eines Schiffes die leiseste Berührung desselben von einem fremden Gegenstand fortpflanzt. Wenn nur der Kiel auf irgend einer Untiefe leise den Sand scheuert, zittert es, von den Zehen herauf, durch den ganzen Körper, bis in die Fingerspitzen hinein, wie mit einem elektrischen Schlag, und das Anstoßen eines Bootes, selbst vorn am Bug, hört man sogar bei verschlossenen Thüren bis in die Kajüte hinein — oder fühlt es vielmehr. Das mußte es auch sein, was den Steuermann aus seinem bärenfesten Schlaf geweckt hatte, denn auf weiter erinnerte er sich nichts, und wie er jetzt aufhorchte, hörte er deutlich draußen am Schiff ein Geräusch, als ob jemand versuche daran empor zu klettern.
„Wart’ Canaille,“ brummte aber der Seemann, wie er sich dessen nur klar bewußt war, „dir will ich den Kitzel vertreiben!“ Und rasch nach seinem Revolver tappend, griff er das Futteral, hob sich geräuschlos von seinem Lager und glitt zu der Schanzkleidung. Er behielt aber nicht einmal Zeit, erst hinüber zu sehen, wer und was ihn bedrohe. Kaum stand er davor, so hob sich schon ein Kopf darüber hin, und Bohmeier — nur in dem einen Gefühl sein Leben gegen eine Bande von Strauchdieben zu vertheidigen, hob seinen Revolver dicht vor die Stirn des Fremden und — drückte ab. —
Der Kapitän war indessen an jenem Abend ruhig an’s Land und zu seiner gewöhnlichen Gesellschaft gefahren, wo sie dann die halbe Nacht bei einer gemüthlichen Partie Whist verbrachten. Heute aber sollte er keine Zeit dazu bekommen, denn er fand den bei seiner Fracht bedeutend interessirten Kaufmann, der ihn schon mit Ungeduld erwartete, weil er noch ein paar aus den Minen zurückgekehrte Matrosen aufgefunden, die wahrscheinlich bewogen werden konnten, die Reise mit ihm zu machen. Freilich durften sie dann nicht langen Raum zum Ueberlegen behalten, und je rascher der Handel mit ihnen abgeschlossen wurde, desto besser. Beide gingen auch augenblicklich daran, um sie aufzusuchen, fanden das aber nicht so leicht, als sie anfangs gedacht, denn es gab schon damals in San Francisco eine Menge von Plätzen, wo sich die Leute Abends amüsiren konnten. Endlich — es war fast um zwölf Uhr — trafen sie mit ihnen in einem der Spielzelte, im Eldorado, zusammen und gingen nun in ein französisches Weinhaus, um dort das Nähere zu besprechen.
Die Bedingungen, die der Kapitän stellte, waren übrigens so verlockend — das Leben in Californien hatten sie auch auf eine Weile satt, — daß sie endlich darauf eingingen und sich bereit erklärten, morgen früh um zehn Uhr mit ihren Kisten an Bord zu sein, und während der Kaufmann versprach, alles Nöthige in der Stadt zu besorgen, daß sie bestimmt schon morgen oder vielmehr heute ihre Fracht bekämen, war es nöthig, daß der Kapitän selber augenblicklich an Bord seines eigenen Fahrzeugs zurückkehrte, um dort mit seinem Steuermann alles zu besprechen. Mit Tagesgrauen wollte er dann wieder zurück an Land sein. Lieber Gott, er wäre die ganze Nacht hin und her gelaufen, nur um hier fort aus dem verwünschten Land zu kommen, das er herzlich satt hatte. Jetzt war aber die Aussicht dazu vorhanden, und er zögerte denn auch keinen Moment, um wenigstens alles zu thun, was in seinen Kräften stand, das Auslaufen zu beschleunigen.
Rasch hatte er unten am Werft sein Boot gefunden, das dort an doppelter Kette angeschlossen lag; das Ruder brachte er schon von oben mit herab, wo er es bei einem Bekannten eingestellt, und stieß nun vom Land der Richtung zu, in welcher sein Fahrzeug, die „Gesine Mengsen“ lag.
Es gehörte allerdings eine Geschicklichkeit dazu, sich in dem Gewirr von Fahrzeugen, noch dazu „bei Nacht und Nebel“, zurecht zu finden. Der Seemann hatte den Weg aber schon so oft gemacht, daß er nicht einen Augenblick im Zweifel blieb, und seinen Cours so genau hielt, als ob er nach dem Compaß steuere. So wand er sich zwischen den verschiedenen, dort ruhig vor Anker liegenden Fahrzeugen durch, bis er seine Bark da draußen, etwas weiter ab, erkennen konnte, und wrickte sein kleines Boot dann scharf drauf zu. Er hatte sie auch bald erreicht — das gewöhnliche Wachtlicht brannte oben, aber sein Steuermann, der ihm erst die Fallreppstreppe herunter lassen mußte, schlief wahrscheinlich noch und er hielt also etwa zehn oder zwölf Schritt vor dem Schiff und rief dasselbe an. — Keine Antwort erfolgte. — Er rief jetzt den Steuermann bei Namen, laut und immer lauter — alles umsonst, das Fahrzeug schien wie ausgestorben und nichts an Bord regte oder rührte sich. — Was zum Henker, war denn da vorgegangen? — Den Kapitän überkam ein ganz unheimliches Gefühl — sollte es wirklich der sich in San Francisco herumtreibenden Bande gelungen sein, den Steuermann im Schlaf zu überraschen und — „Bohmeier!“ schrie er noch einmal, so laut er konnte, „oh Bohmeier!“ — Es war alles umsonst, er erhielt keine Antwort, und wenn sich der unglückliche Mensch noch an Bord befand, so lag er wahrscheinlich erschlagen an Deck in seinem eigenen Blut.