Etwas hatte die Burg aber, wie so viele jener romantischen Stellen am Rhein: ihren Privat-Geist nämlich, und mit den Jahren, da man durchreisenden Engländern doch etwas erzählen mußte, bildete sich eine ordentliche kleine Sage aus.
Dieser zufolge sollte Hugo von Wildenfels, der letzte Raubgraf, der von hier aus in der „guten alten Zeit“ friedliche Bürger überfallen und geplündert hatte, endlich zu einem wunderbar schönen Burgfräulein am anderen Ufer des Rheins in Liebe entbrannt sein und beschlossen haben, seinem ruchlosen Leben zu entsagen. Ob er aber diesen guten und löblichen Vorsatz auch später gehalten haben würde, wenn er seinen Zweck, die Hand der Jungfrau, erreicht, weiß man nicht, denn er war jedenfalls zu spät gekommen. Kaiser und Reich nämlich, der ewigen Klagen müde, sandten ein paar helle Haufen von Rittern und Knappen gegen die Veste, in der sich Hugo von Wildenfels mit großer Tapferkeit vertheidigte. Schließlich jedoch, ob durch List oder Gewalt, sagt die Chronik nicht, drangen die Belagerer in die Burg und übten Vergeltung für jahrelangen Frevel. Während man den „rothen Hahn“ auf’s Dach derselben pflanzte, wurde der Raubritter gefesselt in seinen eigenen Hof geführt und dort, beim Schein der auflodernden Flammen, enthauptet, der Körper aber nachher nicht begraben, sondern in ein brunnenartiges Burgverließ geworfen, in welchem der Lebende viele unglückliche Opfer hatte verschmachten lassen.
Das war das Ende des tapferen Hugo von Wildenfels, das irdische wenigstens, denn es scheint, als ob ihn seine guten Vorsätze nicht im Grabe ruhen ließen. Zu gewissen Zeiten im Jahre sollte er wenigstens gesehen sein, wie er auf der hinausstarrenden Zinne seines verödeten Schlosses stand und den eigenen Kopf hoch in der Hand nach jener Burg hinüberhielt, in welcher die Auserwählte seines Herzens gewohnt. Ob er sich, indem er ihr den abgeschlagenen Kopf zeigte, damit entschuldigen wollte, daß er sein Wort nicht eingelöst und sie heimgeholt — und allerdings konnte ein solcher Fall als genügender Entschuldigungsgrund gelten — ob er, einem höheren Willen folgend, als abschreckendes Beispiel herumgehen mußte und deßhalb nicht die ewige Ruhe fand, man weiß es nicht. Soviel aber ist sicher, daß es keine alte und vielleicht auch wenige junge Frauen in Wellheim gab, die nicht fest daran geglaubt hätten, daß der kopflose Hugo von Wildenfels noch heutigen Tags — oder vielmehr Nachts — dann und wann erschien, und man hätte Manchen im Ort finden können, der bereit gewesen wäre selber zu beschwören, daß er das entsetzliche Gespenst mit eigenen Augen gesehen.
Uebrigens schien der Ritter seine alte, unheilvolle Thätigkeit jetzt wirklich eingestellt zu haben, denn wenn er sich einmal wieder auf seiner Zinne irgend einem Nachtwandler zeigte, so bedeutete das, wie man sich im Volk erzählte, jedesmal ein gutes Weinjahr, und die Kunde wurde darum immer mit Freuden begrüßt. Drehte sich doch die ganze Existenz der Leute um den Wein.
So war er auch heuer, und sogar zwei Mal, von zwei verschiedenen Leuten gesehen worden; und wie hatte er dabei seinen Ruf bewährt! Es gab gar nicht genug Gefäße im Orte, um nur den süßen Most zu fassen, und der alte Wein schlechterer Jahrgänge wurde um einen Spottpreis verkauft, nur um das Faß zu frischem Gebrauch frei zu bekommen.
Es dämmerte, und im „Burgverließ“, einer kleinen, aber sehr stark besuchten Weinschenke in Wellheim, hatte sich schon ein Theil der Stammgäste eingefunden, um dort, wie sie sich ausdrückten, „ihren Schoppen“ zu trinken. Das Wort „Schoppen“ ist freilich gefällig, denn es enthält gleich im Singular seinen Plural, und daß es nicht bei einem, auch wohl nicht bei drei und vieren blieb, ist sicher.
Trotz der wachsenden Beschäftigung in der Wirthsstube schien aber Rosel, des Wirthes liebliches Töchterlein, doch einen Augenblick Zeit gewonnen zu haben, auf den Hof hinaus zu eilen und ein paar Worte mit einem jungen Mann zu wechseln, der dort jedenfalls auf sie gewartet haben mußte. Sie fürchtete sich auch gar nicht vor ihm, sondern legte ihr Köpfchen ganz vertrauensvoll an seine Brust und litt es, daß er ihr wieder und immer wieder die Stirn küßte; aber es war ihr doch nicht freudig dabei zu Muthe, denn große helle Thränen standen ihr in den Augen und rollten dann schwer an den Wangen hinab auf ihr Mieder.
Endlich, während er ihr liebe und gute Worte zugeflüstert, wand sie sich aus seinem Arme.
„Ich muß fort, Bruno,“ sagte sie, sich mit der Schürze die verrätherischen Thränen abtrocknend, „Du weißt, der Vater will es nicht leiden, daß ich mit Dir spreche, und das Zimmer ist auch voller Gäste, so daß die Bärbel gar nicht mit ihnen fertig wird, und mehr kommen noch. Ein ganzes Boot voll ist den Nachmittag den Rhein hinaufgefahren, Alle wollten heut Abend bei uns einkehren.“
„Drei Tage hab’ ich Dich jetzt nicht gesehen, Rosel, und kaum drei Minuten kannst Du mir schenken,“ klagte der junge Mann; „das ist recht hart.“