Nach der Trauung wurde ein gemeinschaftliches Frühstück eingenommen, dann ging Peters nach Hause, packte einen kleinen Koffer und schickte ihn auf den Dampfer Dayton. Vom Lindenbaum aus geschah ein Gleiches, und um ein Uhr Mittags, während das Gerücht der Trauung Pittsburg in Erstaunen setzte, und ehe noch irgend ein neugieriger Bekannter oder Stammgast anfragen und die Neuverlobten stören konnte, fuhren sie, nur von Degmar begleitet, den „schönen Strom“ hinab der „Königin des Westens“, Cincinnati, zu.
Drei Wochen blieben sie auf Reisen, und als Peters endlich mit seiner jungen Frau zurückkehrte, war er ein ganz anderer Mensch geworden. Er sah wirklich um zehn Jahre jünger aus, und mit der Gesundheit schien auch sein fröhlicher heiterer Sinn zurückgekehrt.
Von da an übernahm er die Wirthschaft, die sich bald zu einer der bedeutendsten in ganz Pittsburg hob, denn in dem Geschäft befand er sich wirklich in seinem Element. Auch seine abergläubischen Neigungen — wenn sie auch nicht schwächer wurden, nahmen doch nie wieder einen seiner Ruhe gefährlichen Charakter an. Aber er erfuhr auch nie, wie er damals von den Freunden überlistet worden — schon seiner wackeren Frau zu liebe beobachteten diese unverbrüchliches Stillschweigen. — Jetzt sind Beide todt. Die „Frau Doktorin,“ wie sie immer in der Stadt genannt wurde, starb vor etwa drei Jahren, und Peters überlebte sie nur um etwa zehn Monate, nachdem er ihr Andenken oft und oft gesegnet. Dadurch wurden auch die damaligen Verbündeten ihres Wortes entbunden, sie haben aber nie die gebrauchte List zu bereuen gehabt. Denn eine glücklichere Ehe als sie Peters mit seiner Frau die langen Jahre führte — hat es wohl kaum je gegeben.
Ruine Wildenfels.
Erstes Kapitel.
In Wellheim.
In Wellheim, einem kleinen, reizend gelegenen Städtchen am Rhein, war heute die Lese beendet worden und so reichlich ausgefallen, daß allgemeiner Jubel im Orte herrschte. Die Sonne hatte auch den ganzen Sommer und Herbst tüchtig auf die vollen, prachtvoll gebräunten Trauben niedergebrannt, und man durfte auf einen Wein rechnen, der sich den besten Jahrgängen an die Seite stellen konnte. Was Wunder denn, daß man mit dem „alten“ Stoff aufzuräumen suchte, und die ziemlich zahlreichen Wirthshäuser in dieser Zeit von munteren Zechern gefüllt waren.
Wellheim lag unmittelbar am Ufer des herrlichen Stromes an einem außerordentlich sonnigen und günstigen Hang, und dicht darüber, so daß man es selbst bergauf bequem in einer halben Stunde erreichen konnte, stand eine jener alten, prächtigen Ruinen — früher die Geißel, jetzt die Zierde des Landes — und schaute mit ihren weiten öden Fensterhöhlen träumend auf das zu ihren Füßen ausgebreitete wunderschöne Thal hinab.
Schade freilich, daß das alte Schloß so gar verfallen und vernachlässigt war! Da auch dichtes Gebüsch umherwucherte und die alten, steinernen Treppen im Innern dem Einsturz drohten, so daß nur manchmal leichtsinnige junge Touristen das Wagstück versuchten, auf ihnen hinauf zu klettern und die Aussicht von da oben zu genießen, wurde die Ruine nur in seltenen Fällen einmal flüchtig von Fremden besucht. Die Bewohner von Wellheim kamen überdies nicht hinauf, und so wusch denn auch mit den Jahren der Regen den steilen, nie ausgebesserten Pfad, der zu der Ruine führte, so aus, daß es zuletzt ein eben solches Kunststück wurde, ihn zu erklimmen, wie die schon halbzerstörten Treppen im Innern des alten Schlosses zu besteigen.