„Gewiß bin ich, Jungfer Naseweis,“ nickte der behäbige Mann, „und das mehr als einmal, und noch dazu hinauf gelaufen wie ein Wiesel — das sind aber freilich so ein Jahrer dreißig her und jetzt, mit meiner Wohlbeleibtheit würde es auch nicht mehr so leicht gehen, keineswegs so geschwind. Steigt nur auf meine Verantwortung hinauf und stattet dem alten Nest einen Besuch ab — es liegt so jetzt öde und einsam genug zwischen den Büschen, und der alte Wildenfels muß schmähliche Langeweile haben.“
„Wer?“ frug einer der Fremden, „der alte Wildenfels? wohnt denn Jemand oben?“
„Wohnen? Gott soll uns bewahren, wer möchte in dem alten Eulenneste wohnen,“ sagte ein anderer der Gäste, der Stadtschreiber Mahler, indem er über seine Brille hinweg nach dem Fremden sah. „Hugo von Wildenfels, wie der letzte Bewohner jener Raubburg hieß, soll dort, der Volkssage nach, noch hausen und manchmal, den abgeschlagenen Kopf in der Hand, auf den Zinnen spazieren gehen.“
„Alle Wetter, das wäre interessant, dem zu begegnen!“ lachte einer der jungen Leute.
„Soll nur da hausen, Herr Stadtschreiber?“ sagte ein kleines graues Männchen, das etwas abseits von den übrigen an seinem Schoppen saß und bis jetzt ununterbrochen Wallnüsse dazu geknackt hatte; „ich dächte wir hätten hier in Wellheim doch genügend Beweise, daß er wirklich gesehen ist, denn die Achtbarkeit der Zeugen läßt sich nicht bestreiten.“
„Mein lieber Herr Registrator,“ rief ein junger Beamter, „wer hat ihn denn eigentlich gesehen? Ihr Vetter der Apotheker, und was das für ein Windbeutel ist, wissen wir Alle zusammen.“
„So?“ sagte das alte, etwas engbrüstige Männchen etwas gereizt, „und meine Schwägerin — Gott hab’ sie selig — hat wohl nicht vor jetzt drei Jahren fast den Tod vor Schreck gehabt, als sie eines Abends mit einer Gesellschaft von Hellenhof herüberkam und in ihrem Uebermuth noch einen Abstecher nach der Burg machte? Sie hat nachher sechs Wochen das Bett hüten müssen, so war ihr der Schreck in die Glieder gefahren.“
„Na,“ nahm da noch ein Anderer des Registrators Partie, ein pensionirter Steuerbeamter, der hier in Wellheim seine kleine Pension verzehrte, „ich dächte doch, wir hätten auch in diesem nämlichen Jahr Beweise genug, denn zweimal hat er sich da gezeigt und jedes Kind weiß, was für ein gutes Weinjahr das jedesmal verspricht. Der alte Gärtner Weber, dem gewiß Niemand nachsagen kann, daß er lügt, hat ihn selber das eine Mal gesehen, und das zweite Mal Ihr eigener Bruder, Rosel, der doch auch sonst nicht gerade abergläubisch ist.“
„Und ich glaub’s doch nicht,“ sagte Rosel, die beide Ellbogen mit den Händen haltend, lächelnd dem Gespräch zugehört hatte, „und wenn’s selber mein Bruder gesehen haben wollte.“