„Junges, übermüthiges Blut,“ sagte der alte Registrator, „glaubt nur immer das, was es selber sieht, und selbst das nicht immer, muß erst durch Schaden klug werden, und wenn ältere Leute etwas sagen so wird gewöhnlich darüber gelacht und gespottet.“

„Ach, bester Herr Registrator,“ erwiderte Rosel freundlich, „glauben Sie ja nicht, daß ich spotten wollte; nur die Geschichte von dem Ritter, der den Kopf unter dem Arme tragen soll, kommt mir so wunderbar vor, denn wenn dort oben noch etwas von dem alten Herrn von Wildenfels umgeht, so kann es doch nur der Geist desselben sein und nicht der Körper, und ein Geist kann doch wohl nicht mit abgeschlagenem Kopf umherwandern, denn wer wäre im Stande einem Schatten den Kopf abzuhauen.“

„Du redest gerade wie Du’s versteh’st, Kind,“ sagte der Registrator, ein alter Stammgast des Hauses, der auch bei der Rosel Pathe gestanden und sie oft auf dem Arme herumgetragen hatte, weshalb er sie auch noch immer Du nannte. „Der Schatten ist doch nur der Wiederschein des Körpers, und wenn man einem solchen den Kopf herunterschlägt, so kann ihn doch der Schatten nicht aufbehalten. Der Schatten wird natürlich nicht enthauptet, aber der Körper, und dadurch zugleich der Schatten.“

„Mein liebes Fräulein,“ bemerkte jetzt der alte Steuerbeamte, der ‚Herr Hauptcontroleur‘ in der Stadt betitelt wurde, da sich ein Mensch ohne Titel nicht gut denken ließ und nie im Leben hätte auf Pension Anspruch machen können, „Sie werden gewiß nicht leugnen wollen, daß es Dinge auf Erden giebt, die unser Verstand zu schwach ist zu begreifen, und daß wir durchaus noch nicht mit unseren Seelenkräften im Klaren sind, in wie weit wir mit einer anderen Welt in Verbindung treten können. Auch soll man Gott nicht versuchen, liebes Fräulein,“ setzte der Alte ernst hinzu, „und ein guter Christ hat an den Stätten, wo der Herr irrende Seelen zur Strafe umwandeln läßt, in der dafür bestimmten Nacht nichts zu suchen.“

„Lassen Sie’s sein, Herr Hauptcontroleur,“ lachte der Bäckermeister; „die Rosel ging auch nicht bei Nacht zu dem alten Schlosse hinauf. Bei solchen unheimlichen Geschichten ist uns Allen nicht geheuer, und es überläuft Einem schon ein ganz merkwürdiges Gefühl, wenn man einmal Nachts im Holze draußen nur einem ganz gewöhnlichen Menschen begegnet — viel weniger denn in einem solchen alten Raubschloß, wo früher so viele Unschuldige hingerichtet wurden und so viel Blut vergossen ist, einem derartigen Gespenst mit dem Kopf unter dem Arme. Ich bin auch nicht abergläubischer als Andere, aber ich glaube, mich rührte der Schlag vor Schreck, wenn mir einmal eine solche Gestalt in den Weg liefe.“

„Bah,“ sagte Rosel, verächtlich lächelnd, „Ihr urtheilt von Euch auf Andere, Meister Bollharz. Ich bin nur ein Mädchen, aber wenn es eine Wette gälte — ich ginge selber hinauf und bewiese Euch, daß Ihr Unrecht habt.“

„Hoho, Rosel,“ lachte der Bäckermeister, „das hab’ ich noch gar nicht gewußt, daß Sie auch prahlen können. Wenn ich Sie nun beim Worte nähme?“

„Ei, so thut’s!“ rief das junge Mädchen, während ihr in der Erregung des Augenblicks das Blut voll in Gesicht und Schläfe stieg — „was ich gesagt habe, habe ich gesagt.“

„Und Du wolltest jetzt bei Nacht allein hinauf in die Ruine gehen?“ rief der Registrator erschreckt. „Kind, versündige Dich nicht, denn schon ein solcher Gedanke ist gottlos.“