Die „Wittwe Reuter“ war nämlich eine Frau noch in ihren besten Jahren, und verstand vollkommen einer solchen Wirthschaft vorzustehen. Vor einem halben Jahrzehnt nach Amerika, eben verheirathet, ausgewandert, hatte sie ihren Mann, wie sie kaum den Fuß auf amerikanischen Boden gesetzt, an einem hitzigen Fieber verloren. Sie war damals erst 22 Jahre alt, aber von festem, entschlossenem Charakter, und außerdem nicht gewohnt, die Hände in den Schooß zu legen. Sie verzagte auch deßhalb in dieser schweren Lebenssorge nicht, sondern griff rüstig zu, um sich ihren Unterhalt selber und allein zu erwerben. Anfangs wusch und nähte sie für fremde Leute, dann trat sie als Wirthschafterin in ein sogenanntes Kost- oder Boardinghaus, und verdiente sich, mit rastlosem Fleiß und eiserner Sparsamkeit, endlich so viel, um selber ein ähnliches kleines Hotel, das gerade zum Verkauf ausgeboten wurde, übernehmen zu können.
Dort ging es ihr gut. Der Ruf, wie vortrefflich und reinlich bei ihr gekocht würde, verbreitete sich bald in Pittsburg, und da sie außerdem die besten Getränke zu verhältnißmäßig billigen Preisen ausschenkte, so konnte es nicht fehlen, daß sich ihr Geschäft hob und sie hübsches Geld dabei verdiente.
Besonders hatte sie in ihrem Haus eine Anzahl von gebildeten Landsleuten zu Gästen, die hier, aus sich selbst heraus und ohne Statuten oder Beiträge, eine Art von Klub bildeten, und jeden fremden Landsmann ebenfalls dorthin zogen. Gemischt war die Gesellschaft übrigens, das ließ sich nicht leugnen, aber nur in der Art, wie es in Amerika „gemischte Gesellschaften“ gibt. An Bildung, Sitte und Intelligenz paßten sie Alle zusammen, nur in ihren Beschäftigungen unterschieden sie sich allerdings bedeutender. So bestand denn auch die kleine Zahl von Stammgästen, die sich allabendlich dort zusammenfand, aus ein paar Aerzten, einem Apotheker, einem Advokaten, einem Bankbeamten und einem Geistlichen, auch ein Baron war dabei, der aber freilich das bescheidene Amt eines Zeitungsträgers bekleidete. Außerdem gehörten zwei Kohlenarbeiter dazu — daheim waren sie Dr. philosophiae gewesen, dann ein Schmied — der frühere Stallmeister eines Herzogs von —, der Redakteur des Pittsburger Beobachters mit zwei Setzern, wie noch ein paar junge Kaufleute — und der Klub wurde noch außerdem durch zeitweilige Fremde verstärkt.
So kamen dann und wann, wenn ihr Boot Pittsburg anlief, zwei Feuerleute eines der Ohio-Dampfer in den Klub, die ihr saures Brod zwischen Negern, Mulatten und Irländern hart genug verdienen mußten und in ihren blauen Matrosenhemden und schottischen Mützen — was wenigstens das Aeußere betraf — kaum recht in die Gesellschaft zu passen schienen. Aber es waren prächtige junge Leute — der Eine aus einer altadeligen deutschen Familie stammend, der Andere ein junger Advokat, und der englischen Sprache noch nicht mächtig genug, um hier schon zu plaidiren. — Und was that es dabei, daß sie in der schwersten und niedrigsten Arbeit ihren zeitweiligen Beruf gesucht? Sie verdienten sich ihr Brod ehrlich, und waren hier willkommener, als es mancher befrackte Herr mit Stern und Ordensband gewesen wäre.
Und lustige Abende wurden da verlebt, das ist gewiß, denn keine Etikette galt, kein steif gezwungener Ton konnte aufkommen, und doch herrschte Anstand und Sitte, und es wäre Keinem zu rathen gewesen, die zu verletzen — die Thüre des „Lindenbaumes“ würde sich ihm nie wieder geöffnet haben.
Zu den fleißigsten und ältesten Besuchern dieses wackeren deutschen Wirthshauses gehörte übrigens Dr. Peters, und die übrigen Gäste behaupteten auch, die Wittwe Reuter habe ihn mit als Inventar von dem früheren Eigenthümer überliefert bekommen. Peters war überhaupt in Pittsburg eine sehr bekannte Persönlichkeit, und seines trockenen Humors wegen überall gern gesehen — nur als Arzt schien er nicht besonders zu reussiren — er war nie sehr glücklich in seinen Kuren und hatte dabei eine etwas rauhe Manier mit seinen Kranken umzugehen, so daß ihm in der That sehr viele freie Zeit blieb, und seine Bekannten behaupten wollten, er habe die „Nachtklingel“ an seiner Thür nur für eigenen Bedarf anbringen lassen, um nicht ausgeschlossen zu werden, wenn er Abends spät aus seinem Wirthshaus käme.
Er lachte übrigens selber darüber, und konnte es auch recht gut mit ansehen, denn wenn ihm seine Praxis wenig einbrachte, so besaß er doch nicht allein ein kleines Kapital an baarem Gelde, sondern auch noch außerdem einen sehr vortheilhaften Antheil an verschiedenen benachbarten Kohlenminen. Das setzte ihn in den Stand, sorgenfrei zu leben, und er lebte auch in der That so, und daß er das Wirthshaus zum Lindenbaum so oft besuchte, war außerdem kein Zeichen einer Neigung zur Unmäßigkeit, oder zur Schwelgerei. Er lebte im Gegentheil gewöhnlich mäßig, und nur in fröhlicher Gesellschaft ließ er sich manchmal so weit hinreißen, mit einem kleinen „Spitz“ nach Hause zu gehen. Eigentlich betrunken hatte ihn noch Niemand gesehen.
Der Doktor war dabei ein seelenguter Mensch, und wer ihn näher kennen lernte, gewann ihn auch lieb; außerdem ging er gern und immer auf einen Scherz ein, selbst wenn er auf seine Kosten ausgeführt wurde, und konnte dann auf das Herzlichste mitlachen.
Uebrigens hatte er manche Eigenheiten — keine aber, die einem seiner Freunde je lästig werden durfte. So war er z. B. entsetzlich abergläubisch, und ließ manchen Spott deßhalb über sich ergehen, änderte sich aber nicht und nickte dabei nur immer geheimnißvoll mit dem Kopf, als ob er es doch besser wisse, als alle die Anderen. So hätte er sich nie zu dreizehn an einen Tisch gesetzt, nie an einem Freitag irgend eine wichtige Handlung begonnen; er stieg gewissenhaft jeden Morgen mit dem rechten Fuß zuerst aus seinem Bette, und was alte würdige Frauen mit Nägelabschneiden, Salat essen an gewissen Tagen, Eierschaalen zerdrücken und anderen dem ähnlichen Dingen vorschrieben, beobachtete er auf das Peinlichste.