Trotzdem hatte ihn ein Jeder lieb und seine Freunde besonders, die bald herausfühlten, daß er den „Lindenbaum“ nicht allein seiner guten Getränke, sondern mehr noch der hübschen Wirthin wegen frequentire, hegten die stille Hoffnung, daß er die doch undankbare ärztliche Beschäftigung bald an den Nagel hängen und dafür den „Lindenbaum“ mit der Frau Reuter übernehmen werde.

Grund genug hatten sie dafür, denn Peters war ein regelmäßiger Gast im Hause — ja mehr als das, er verplauderte auch manche müßige Stunde mit der jungen Wittwe, und wurde zuletzt sogar zu einer Art von Factotum im Hause. Die Frau hatte ihm nämlich oft geklagt, welche Noth sie mit ihren Büchern und besonders mit dem Einkauf ihrer verschiedenen Provisionen habe — wozu eine Frau auch eigentlich nicht recht paßt — und er nahm sich von da ab bereitwillig ihrer an. Nicht allein brachte er ihre Bücher in Ordnung und machte fast täglich die laufenden Einträge, sondern er zeigte ihr auch noch manche Verbesserung in ihrer Wirthschaft und gab ihr überdies durch seine große Bekanntschaft gute Quellen an, von wo sie ihre Provisionen und Getränke in bester Qualität und zu billigen Preisen bekommen konnte, ja verschaffte ihr sogar in mehreren Häusern einen neuen und höchst vortheilhaften Kredit. Er schien überhaupt — wie die böse Welt wissen wollte — viel mehr Talent zu einer culinarischen wie medicinischen Thätigkeit zu haben, und daß die Leute deßhalb eine Verbindung des Doktors mit der Wirthin prophezeihten, war wohl natürlich — und trotzdem fand sie nicht statt.

Aber weßhalb nicht? Er hatte sie gern; das leugnete er nicht einmal, und seinen ärztlichen Beruf aufgeben und eine Wirthschaft übernehmen? lieber Gott, da waren ganz andere Veränderungen in Situationen hier in Amerika vorgekommen, und kamen noch jeden Tag vor. Die Frau Reuter war ihm außerdem von Herzen gut, das konnte ein Kind sehen, und der Doktor — als rechtschaffener Mann in der ganzen Stadt bekannt — eine Parthie, wie sie sich dieselbe nicht besser wünschen konnte und wahrscheinlich auch nicht besser haben wollte, und trotzdem machte ihr der Doktor keinen Antrag und Jahr nach Jahr verging.

Dr. Peters schien sich aber selber nicht behaglich in dieser Lage zu fühlen; er gab allerdings den Besuch des Lindenbaums nicht auf und besorgte nach wie vor die Geschäfte der Wittwe auf das Pünktlichste, so daß er jetzt schon als regelmäßiger Buchhalter und Korrespondent derselben angesehen werden konnte, aber in seiner sonstigen Stellung zu ihr hatte sich nichts verändert, und nur sein eigenes Aussehen war nicht mehr so gut wie früher.

Sonst der behäbigste Mann in ganz Pittsburg, wurde er jetzt, ohne daß er es hätte an leiblicher Nahrung fehlen lassen, auffallend magerer, und das Schlimmste von Allem war, daß ihn auch seine frühere Jovialität — eine eigene Fertigkeit, sich über sich selber lustig zu machen — verließ. Er fing an melancholisch zu werden, und da er als Norddeutscher am allerliebsten plattdeutsch sprach, so paßte das gar nicht zu seinem ganzen übrigen Wesen.

Etwas lag ihm auf dem Herzen, und die übrigen Gäste, denen er anfing langweilig zu werden, begannen schon gemeinsam zu berathen, wie sie ihm seine alte fröhliche Laune zurückgeben könnten.

Zweites Kapitel.
Des Doktors Bekenntniß.

Die Seele der Gesellschaft war der Apotheker, ein noch ziemlich junger, aber gewandter Deutscher, der es in wenig Jahren möglich gemacht, hier ein ganz bedeutendes Geschäft zu etabliren. Er stak voller Witz und Laune, und hatte dabei bis jetzt den Doktor Peters zum treuen Verbündeten gehabt. Der aber schien ihm vollständig abhanden zu kommen, und den mußte er wiedergewinnen, koste es was es wolle.

Lange schon hatte er auch versucht, den Doktor zu einem Geständniß zu bringen. So sehr dieser aber das Herz sonst immer auf der Zunge trug, in dieser Angelegenheit hielt er es verschlossen, und Ohlers brachte trotz allen Anspielungen, ja selbst direkten Fragen nichts aus ihm heraus. Da kam eines Morgens Peters zu ihm in die Apotheke, wo er ausnahmsweise einmal ein Rezept verschreiben mußte, grüßte, trat an den Pult, rezeptirte, nahm dann seinen Hut und wollte die Apotheke wieder verlassen. — Es war Zeit geworden, daß er nach dem Lindenbaum hinüber ging.

„Hör einmal, Doktor,“ sagte der Ohlers, der ihn schweigend beobachtet hatte, und einen anderen, als den bisherigen Weg mit ihm einzuschlagen beschloß, „Du kannst mir einen Gefallen thun.“