Bei der Sage der Ruine blieb es in dieser Stimmung aber nicht, denn es dachte natürlich jetzt Niemand daran fortzugehen, bis Rosel von ihrer nächtlichen Wanderung zurückgekehrt sei, und darüber mußte jedenfalls eine Stunde verstreichen. Der natürliche Ideengang der Gäste lenkte sich mittlerweile auf andere Sagen und Spukgeschichten, an denen der Hauptcontroleur, der sich in früheren Jahren viel an den wilden Grenzdistricten aufgehalten, besonders reich war. Hauptsächlich wurden solche Geschichten dabei hervorgehoben, bei welchen der Muthwille des Menschen keck die Geisterwelt herausgefordert und dann, versteht sich, immer den Kürzeren gezogen habe. Da war das alte Haus an der Grenze, in dem früher ein berüchtigter Schmuggler gelebt, der bei einem Streifzug erschossen wurde und später in seiner eigenen Wohnung umging, daß es Niemand mehr darin aushalten konnte. O ja, ein junger, leichtfertiger Franzose erbot sich den Geist zu bannen, aber Morgens fand man ihn bleich und todt mitten in der Stube liegen, ohne das geringste Zeichen einer Verletzung an seinem ganzen Körper. Und dann der junge Bursch, der Nachts unter den Rabenstein gegangen war, um auch, in Folge einer tollen Wette, einem der am Tage Gehenkten den Stiefel abzuziehen. Der kam auch nicht zurück, und wenn er auch nicht todt blieb oder wahnsinnig wurde, hat er doch nie in seinem Leben wieder gelacht und ist von da an selbst wie eine Leiche herumgegangen, bleich und elend und sich verzehrend, bis er endlich, noch in der Blüthe seiner Jahre, starb, aber Niemandem erzählen wollte, was er draußen an jener furchtbaren Stätte gesehen.
Auch der alte Registrator wurde dadurch von seinen eigenen unbehaglichen Gedanken ab- und diesem Thema zugelenkt und wußte eine solche Menge haarsträubender Geschichten, daß die kecke Rosel auf ihrer nächtlichen Wanderung fast schon vergessen war, und das Schenkmädchen, die Bärbel, immer wieder frischen Wein herbeischaffen mußte, um die ausgetrockneten Kehlen zu erquicken. Und wie flink bediente heute das sonst etwas träge oder langsame Mädchen die Gäste, denn nicht um die Welt hätte sie eine der da drinnen erzählten Schauergeschichten versäumen mögen, wenn’s ihr auch manchmal wie mit einer Gänsehaut über den ganzen Körper lief.
„Jesus, meine Güte!“ sagte plötzlich der Hauptcontroleur, dem es indessen einmal eingefallen war, nach der Uhr zu sehen. „Es ist ja schon Eins vorbei und das Mädel, die Rosel, noch nicht zurück. Die hätte doch wahrlich keine Stunde gebraucht, um hin und her zu laufen; wenn ihr nur nichts passirt ist!“
Der alte Registrator war erschreckt von seinem Stuhle aufgesprungen. „Schon Eins vorbei,“ stöhnte er, „wahrhaftig, Ihr Leute, jetzt... jetzt wird mir auch nicht wohl bei der Sache. Wir hätten die tolle Dirne nicht sollen gehen lassen! Der Himmel verhüte, daß dem Kinde etwas geschehen ist, ich würde mein Lebtag nicht wieder ruhig.“
„Wir wollen ihr nach,“ rief einer der jungen Burschen. „Ist vielleicht eine Laterne im Haus, die wir mitnehmen könnten, wenn wir sie oben brauchen sollten? Der Mond scheint auch schon unterzugehen und wir finden sonst am Ende den Weg nicht.“
Die jungen Leute waren aufgesprungen und griffen schon nach ihren Hüten, und in der That hatte sich die ganze späte Gesellschaft erhoben, denn die Angst um das junge Mädchen verdrängte alle anderen Gedanken. Da öffnete sich plötzlich die Thür, und Rosel selber stand auf der Schwelle, ernst und still, mit leichenbleichen Zügen. In der Hand trug sie einen kleinen grünen Busch, den sie neben dem Bäcker auf den Tisch warf, und sagte ruhig:
„Da, Meister Bollharz, ist Euer Zweig; ich werde mir morgen oder heute, denn es ist wohl schon spät geworden, die Orangenstöcke holen. Ihr könnt nachsehen oben, gerad’ unter dem steinernen Tisch weg hab’ ich ihn abgeschnitten.“
„Aber Rosel, um Gotteswillen, wie siehst Du aus, Kind? Wie eine Leiche! Was ist Dir geschehen?“ rief der Registrator.
„Mir geschehen? was sollte mir geschehen sein!“ sagte das Mädchen, „nur müd’ bin ich geworden von dem weiten Weg. Bärbel, sieh’ gut nach dem Licht, wenn die Gäste fort sind, und schließ’ die Thür ordentlich; ich will schlafen gehen.“
„Aber Rosel, so erzählen Sie doch,“ bat jetzt der Hauptcontroleur, der sie mit ängstlichen Blicken betrachtet hatte, denn etwas Uebernatürliches mußte ihr begegnet sein, das Entsetzen stand ihr ja noch an der Stirne geschrieben.