Ein schallendes Gelächter belohnte die Abfertigung des kleinen Mannes.
Meister Bollharz war aber jetzt auch böse geworden. „Gut, Sie kleiner Trotzkopf, Sie,“ sagte er, „jetzt wollen wir doch einmal sehen, ob die Sache mit Prahlen abgemacht ist. Wenn Sie hinauf in die Ruine gehen und hinein in den Burghof, wo der steinerne Tisch steht, und dort von den Schößlingen, die daneben aus dem Boden gewachsen sind, einen abschneiden und mit herunter bringen, daß ich mich morgen früh überzeugen kann, Sie sind wirklich oben gewesen, so haben Sie bis morgen Mittag die Orangenstöcke im Hause und ich thue Ihnen öffentliche Abbitte, Ihren Muth angezweifelt zu haben.“
„Topp!“ rief das Mädchen, „es gilt!“ und wandte sich rasch der Thür zu; der alte Registrator ergriff sie aber noch am Arm und rief halb bittend, halb ermahnend:
„Rosel, mach’ keinen dummen Streich! Dein Vater ist jetzt nicht hier, daß er’s Dir verbieten könnte, aber ich leid’s ebenfalls nicht, und wenn Du auf Deinem Trotzkopf bestehst, geh’ ich hinauf und weck’ ihn.“
„Nein, Jungfer Rosel,“ rief der Hauptcontroleur, „lassen Sie um Gottes willen den Muthwillen bei Seite. Wissen Sie nicht die Geschichte von dem jungen Mädchen, das auch Muth genug hatte und bei ähnlichem Anlaß auf den Kirchhof hinausgeschickt wurde, um eine Gabel in das Grab eines an dem Tage beerdigten Selbstmörders zu stoßen? In der Aufregung stieß sie aber die Gabel durch ihr eigenes langes Kleid in den Erdhügel, und als sie fort wollte und sich gehalten fühlte, glaubte sie wahrscheinlich es sei der Todte, und brach vor Schreck und Entsetzen selbst todt an dem Grab zusammen. Man soll mit solchen Dingen keinen Scherz treiben!“
„Ich treibe auch gar keinen Scherz, Herr Hauptcontroleur,“ sagte das junge Mädchen freundlich, doch bestimmt, „ich will mir die beiden Orangenstöcke verdienen, dem Meister Bollharz zur Strafe, weil er mir nicht zutraut, was er selber keine Courage hat auszuführen. Wo ich aber gehe und stehe, bin ich in Gottes Hand, oben in meiner Kammer, oder in der alten, öden Ruine, und da ich nicht zu fürchten brauche dort bösen Menschen zu begegnen, so habe ich auch wahrlich keine Angst vor etwa umgehenden Geistern, mit oder ohne Kopf. Lassen Sie mich los, Herr Registrator, ich weiß, Sie meinen es gut mit mir, allein es hilft Ihnen nichts; wenn die Rosel einmal was gesagt hat, so führt sie’s auch durch, und weder Sie noch der Vater könnten mich jetzt daran mehr hindern. Ehe Sie den wach kriegten, wäre ich übrigens schon den halben Weg oben auf dem Burgberg. Gott befohlen miteinander, in einer Stunde bin ich wieder da!“ Und ehe sie wirklich Einer daran verhindern konnte, oder überhaupt mit sich einig war, ob sie nicht blos Scherz trieb, sprang sie hinüber in das ‚gute Zimmer‘, wo sie Capuze und Umschlagetuch liegen hatte, nahm aus der Küche ein Messer mit und eilte flüchtigen Laufes die Straße hinab.
Die jungen Fremden fingen jetzt ebenfalls an, sich für das bildhübsche junge Mädchen zu interessiren, und ein paar von ihnen griffen schon nach ihren Hüten und erklärten, daß sie ihr wenigstens von Weitem folgen wollten, damit ihr nicht etwa irgend etwas zustoßen könne. Bäcker Bollharz aber, den es besonders ärgerte, daß Rosel ihn so vor der ganzen Gesellschaft mit dem angebotenen Kuß bloßgestellt, rief, mit der Faust auf den Tisch schlagend, dann gelte die Wette nichts; aber sie sollten sie nur laufen lassen, die käme von selber wieder, und zwar ohne Zeichen, dann könne das hochnäsige Ding aber auch ihren Kuß für sich selber behalten, wie er seine Orangenstöcke, die er schon seiner Frau wegen nicht einmal hergeben dürfe.
Eine merkwürdige Umwandlung hatte das Verschwinden des jungen Mädchens in der Gesellschaft hervorgebracht, eine eigenthümliche Spannung, denn man wußte nicht recht, ob man darüber lachen, oder um das junge, waghalsige Ding besorgt sein sollte. Der alte Registrator fühlte sich am unbehaglichsten; es kam ihm fast so vor, als ob er dem Mädchen hätte wehren sollen, einen so unweiblichen, ja fast leichtfertigen Schritt zu thun. Wenn ihr nun doch etwas zustieß, wenn sie am Ende gar den Tod hatte vor Schrecken, mußte er sich dann nicht die bittersten Vorwürfe machen, daß er dabei gesessen und den Leichtsinn geduldet hatte?
Die jungen Fremden erkundigten sich indessen nach der eigentlichen Sage der Ruine, die ihnen der Hauptcontroleur auch auf das Genaueste und Umständlichste erzählte, und sie erklärten dann, daß sie morgen früh noch vor Tag aufbrechen würden, um mit der Morgendämmerung selber oben zu sein und zu sehen, ob das junge Mädchen ihr Wort gelöst habe. Der alte steinerne Tisch im Burghof war nicht zu verfehlen, und dicht daneben sollte sie ja, zum Zeichen, daß sie dort gewesen, einen der aufwuchernden Schößlinge abschneiden oder abbrechen.