Der Mond war indessen untergegangen und tiefe Nacht lag auf der Erde, doch sie achtete es nicht; ob die Büsche ihr Kleid faßten und zerrissen, ob ihr Fuß strauchelte und die tastenden Hände sich lange an häßlichen Brombeerranken blutig gerissen hatten — was fühlte sie davon? Nur vorwärts, vorwärts strebte sie, bis sie die breite Straße wieder erreichte und jetzt noch einmal scheu und entsetzt den Blick zurückwarf zu der alten Ruine, die das Verbrechen ihres Vaters barg.

Mit dem ebenen, glatten Weg wurde auch ihr Gemüth ruhiger, und während sie langsamer auf demselben hinschritt, suchte sie das Erlebte zu überdenken, zu sichten. Was sollte sie thun? Wie sollte, wie mußte sie handeln? Und Bruno — schaudernd barg sie das Gesicht in den Händen, sie konnte nicht mehr denken. Der Kopf wirbelte und brannte ihr, und ganz zusammengebrochen verfolgte das arme Kind seine einsame, öde Bahn. Sie bemerkte auch kaum, wie sie die Häuser wieder erreichte und nur mechanisch in die bekannte Straße einbog. Wie in einem wüsten Traum schritt sie dahin und öffnete endlich die Thür ihrer eigenen Heimath. Auch von den dort Versammelten sah sie kaum mehr als die undeutlichen Umrisse ihrer Gestalten, und erst oben auf ihrem Zimmer, als sie die Thür verriegelt und sich, wie sie war, in ihren Kleidern auf das Bett geworfen hatte, machte ein lindernder Thränenstrom ihrem gepreßten Herzen Luft.

Viertes Kapitel.
Die Werbung.

Am nächsten Morgen war Rosel mit Tagesanbruch wieder auf und besorgte ihre Geschäfte wie gewöhnlich — aber wie bleich das sonst so frische Mädchen heute aussah und was für große, glänzende und ernste Augen es hatte! Bärbel drückte es fast das Herz ab vor Neugierde, um sie zu fragen, was sie gestern Nacht in der Ruine gesehen — denn gesehen mußte sie etwas haben — aber sie wagte es nicht, obgleich sie sonst auf ganz freundlichem Fuße mit ihrer jungen Herrin stand. Diese kam ihr heute gar so feierlich, so außergewöhnlich vor, daß sie alles that, was sie ihr nur an den Augen absehen konnte, und ihre Arbeit noch nie im Leben so flink und aufmerksam verrichtet hatte wie heute.

Wie ein Lauffeuer hatte sich indessen das Gerücht in der Stadt verbreitet, die Rosel aus dem Burgverließ sei um Mitternacht in der alten Ruine gewesen und habe dort zum Zeichen ihres Wagnisses einen Zweig aus dem Burghof abgeschnitten. Die jungen Fremden hatten auch richtig ihren Weg dorthin noch vor Tag angetreten und waren schon zum Frühstück mit der Nachricht zurückgekehrt, daß der abgeschnittene Zweig wirklich unter dem Tisch fehle und das beherzte Mädchen jedenfalls ihre Wette gewonnen habe. Natürlich fanden sie sich auch gleich früh im Burgverließ ein, um das Nähere aus Rosel’s eigenem Mund zu hören, denn das geheimnißvolle Wesen und besonders das bleiche Aussehen des Mädchens von gestern Abend hatte sie nur noch neugieriger gemacht. Doch Rosel ließ sich heut’ Morgen vor keinem Menschen sehen. Um halb neun Uhr aber nahm sie ihr Tuch und schritt, um den offenen Weg über die Straße zu vermeiden, durch den Garten hinaus und einen Pfad entlang, der zu der Hellenhofer Chaussee hinüberführte. Dieser folgte sie wieder, wie gestern Abend, bis der Fußweg rechts nach der Ruine abbog. Dort an den Büschen erwartete sie Bruno.

Der junge Mann sprang ihr freudig entgegen und rief, die Hand nach ihr ausstreckend: „O, wie gut und lieb es von Dir ist, Rosel, daß Du gekommen bist; wie sehnsüchtig habe ich Dich erwartet! — Aber um Gottes willen, Kind, wie bleich siehst Du aus? Bist Du krank, Rosel?“

„Nein, Bruno,“ sagte das arme Mädchen ruhig, indem sie den Kuß duldete, den er ihr auf die Lippen drückte, „mir fehlt nichts — im Körper wenigstens — aber auf dem Herzen liegt mir ’was recht schwer und bleiern, und nur um Dir das zu sagen, bin ich heraus gekommen.“

„Was hast Du, Herz?“ fragte der junge Mann besorgt, „ist der Vater wieder rauh mit Dir gewesen? O, habe nur noch eine kurze Weile Geduld, denn bald wird Alles gut werden. Gestern Abend erhielt ich noch eine recht freudige Kunde.“

„Nein, Bruno,“ unterbrach ihn ruhig das Mädchen. „Der Vater hat wohl gezankt, als er Dich bei mir im Hof gesehen, allein nicht mehr als immer, und das hätt’ ich mir auch nicht sehr zu Herzen genommen, trug ich’s ja für Dich.“