„Meine gute Rosel!“
„Aber was Anderes ist geschehen, Bruno,“ fuhr das Mädchen fast tonlos fort, „etwas Anderes, das ich Dir nicht vertrauen kann und darf, so gern ich’s auch möchte, und das — das mich zwingt, Dir heute — Lebewohl zu sagen für immer —“
„Rosel!“ rief Bruno erschreckt.
„Mißversteh’ mich nicht,“ sagte Rosel, während sie ihm die Hand, die er gefaßt hatte, überließ; „ich habe Dich noch so lieb wie früher — ja vielleicht noch lieber,“ setzte sie leise und kaum hörbar hinzu, „und hätte auch Deinetwegen Alles ertragen, Noth und Sorge mit Lust und Freuden, doch es hat nicht sein sollen — ich darf Dir nicht mehr angehören, und — wenn Du mich ein klein wenig lieb hast — so fragst Du mich nicht einmal weshalb.“
„Aber Rosel,“ sprach Bruno bestürzt, „nicht einmal fragen soll ich, weshalb? wo mein ganzes Lebensglück auf dem Spiele steht, ja während ich Dir gerade heute mit Jubel entgegenkam, denn ich kann Dir jetzt die frohe Kunde bringen, daß sich meine Aussichten mit Einem Schlage gebessert haben. Gestern Abend noch, als ich Dich zuletzt sprach, war mir das Herz zum Brechen schwer, und ich machte mir sogar selber Vorwürfe, Dein Geschick an das eines Armen fesseln zu wollen, der, ohne Vermögen, nicht einmal einen Platz hatte, wo er sein noch so kümmerliches Brod verdienen konnte. Das hat sich jetzt wunderbar rasch geändert, und wie ein Unheil selten allein kommt und immer noch andere im Gefolge mit sich bringt, so ist es ja auch gewöhnlich mit dem Glück. Als ich Dich gestern verließ und mir wieder und wieder ausmalen mußte, wie trostlos meine Aussichten im Leben seien, war mir so weh zu Muthe, daß ich viel lieber in den Rhein gesprungen wäre, um dem Elend mit einem Mal ein Ende zu machen. Aber wenn die Noth am größten, ist auch die Hülfe am nächsten, und wie ich endlich nach Hause und zu meiner Mutter zurückkehrte, fand ich einen großen, mit einem Dienstsiegel verschlossenen Brief vor, in dem mir angezeigt wurde, daß ich endlich meine Beförderung zum Actuar am hiesigen Criminalgericht erhalten habe.“
„Beim Criminalgericht!“ stöhnte Rosel und zog erschreckt ihre Hand aus der seinen.
„Nun, Herz, darüber hast Du doch nicht zu erschrecken,“ lachte der junge Mann, „denn es sichert ja unsere ganze Zukunft; aber das nicht allein — meine Mutter hatte am nämlichen Tage auch gute Kunde über einen in unserer Familie schon seit langen Jahren geführten Proceß erhalten, der ein kleines Vermögen betrifft und bis dahin unsere sämmtlichen Mittel fast aufgezehrt hat. Jetzt sind wichtige Documente aufgefunden worden, die unser Recht ganz außer Zweifel stellen und eine für uns günstige Entscheidung bald, recht bald hoffen lassen. Die Einwendungen, die Dein Vater bis jetzt also gegen unsere Verbindung — und vielleicht mit Recht — geltend machen konnte, fallen nun ganz, und schon in kurzer Zeit hoffe ich Dich heimzuführen, mein süßes, liebes Kind. Aber stehe nicht so todt und traurig bei der frohen Kunde da, mein Rosel; mir schnürt es sonst das Herz zusammen. Was hast Du nur, Mädchen? Du siehst mich ja so scharf und forschend an, als ob ich Dir plötzlich ganz fremd geworden wäre — oder Du am Ende gar meinen Worten nicht glaubtest. Hab’ ich Dich je belogen, Rosel?“
„Nein,“ hauchte das Mädchen, indem es plötzlich, wie scheu, den Kopf abwandte, „Dir glaub’ ich schon Alles, was Du sagst — Alles, denn Du bist gut und brav und ich — will zu Gott beten, daß er Dich einst so glücklich macht, wie Du es verdienst —“
„Und liegt es nicht in Deiner eigenen Hand, mein Herz?“ sagte der junge Mann, indem er sie lächelnd an sich zog. „Sieh’ mir nur wieder so froh und vertrauensvoll in’s Auge, wie Du es früher in schwererer Zeit gethan, und ich verlange ja nicht mehr vom lieben Gott, denn er hat mir da seinen Himmel schon auf der Erde gegeben.“