Den einzigen Trost fand sie in der veränderten Stimmung des Vaters, den sie noch nie so heiter und vergnügt gesehen hatte als jetzt. Er pfiff den ganzen Tag im Hause herum, und wenn sie sich manchmal allein mit ihm befand, streichelte er ihr die Backen und versicherte sie, er würde nun auch nicht mehr lange in dem langweiligen Wellheim bleiben, sondern bald mit ihr in eine große Stadt ziehen und ein Hotel anlegen. Die Preise des Landes seien, wie er hinzusetzte, so bedeutend gestiegen, daß er seine Weinberge jetzt äußerst vortheilhaft verkaufen könne, und den Zeitpunkt wolle er benutzen, denn nach einem recht schlechten Weinjahr sinke auch der Werth des Landes wieder, und so hoch wie jetzt sei er noch nie gewesen.

Fort von Wellheim? — im Anfang hatte der Gedanke etwas Peinliches für sie, sie wußte eigentlich selbst nicht weshalb, aber rasch gewöhnte sie sich hinein und als sie sich Alles überlegte, schien es ihr das Beste, daß sie weit, recht weit von hier fortzögen in ein anderes Land und auch die Erinnerungen, die bösen trüben Gedanken zurückließen am Rheine; ja sie drängte jetzt sogar selbst den Vater, diesen Zeitpunkt zu beschleunigen, draußen in der Welt konnte es vielleicht doch noch besser werden.

Der alte Jochus schien auch wirklich Ernst zu machen, denn er verkaufte schon in dieser Woche einen Theil seiner Weinberge an einen frisch zugezogenen Weinbauer und stand sogar mit diesem im Handel um Haus, Garten und Wirthsgerechtigkeit.

Es waren indessen fast vierzehn Tage seit jener Nacht verflossen und das Wetter schon recht rauh und herbstlich geworden, was den Vater aber nicht verhinderte, sehr häufig nach Hellenhof hinüberzugehen. Einmal war er sogar die Nacht dort geblieben, wie er sagte. In der ganzen langen Zeit hatte sie nichts von Bruno gehört und gesehen; in der Stadt hieß es nur, seine Mutter würde ebenfalls hinüber nach Hellenhof ziehen und hätte sich dort drüben ein sehr hübsches Haus mit einem großen Garten gemiethet; also mußten sich ihre Vermögensverhältnisse doch bedeutend gebessert haben, oder wenigstens bald Aussicht dazu vorhanden sein.

Eines Tages war Rosel hinaus in den Garten gegangen, um sich noch einen hübschen Strauß zu pflücken, ehe es einwinterte, und wollte eben mit ihren Blumen in das Haus zurück, um sie in Wasser zu stellen, als plötzlich — das Blut trat ihr wie mit Einem Schlag zum Herzen zurück — Bruno neben ihr stand — keinen Schritt auf dem Kies des Gartens hatte sie vorher gehört.

„Rosel,“ sagte der junge Mann herzlich, indem er ihr die Hand entgegenstreckte, „bist Du mir bös, daß ich Dich überrascht habe?“

„Bös?“ sagte das Mädchen verwirrt, indem sich ihr Antlitz jetzt blutroth färbte, „bös bin ich Ihnen nicht, Herr von der Haide.“

„Ihnen — Herr von der Haide?“ wiederholte der Gekommene leise und traurig, und das freundliche, ja glückliche Lächeln, mit dem er sie eben noch begrüßt, wich aus seinen Zügen. „Bin ich Dir in den wenigen Wochen so fremd geworden, Rosel, daß Du mich Sie und bei dem kalten Namen nennst?“

Rosel schwieg eine kleine Weile; sie hätte gern gesprochen, aber es ging nicht, die Worte quollen ihr in der Kehle, und sie brachte keinen Laut über die Lippen. Endlich aber wurde sie ihrer Aufregung Herr und sagte leise: