„Es kann nicht anders sein, Herr von der Haide. Sie wissen es doch; ich habe ja auch schon Abschied von Ihnen genommen, und ich hatte geglaubt, Sie würden mir den Schmerz einer zweiten Begegnung ersparen.“
„Ich begreife Dich nicht, Rosel,“ rief Bruno bewegt aus; „wie ich noch verzweifelnd in das Leben und vor mir nur Noth und Entbehrung sah, hieltest Du treu und wacker zu mir, und nichts konnte Dich irre machen.“
„Noth und Entbehrung hätten uns auch nie getrennt,“ sagte das Mädchen scheu und fast lautlos.
„Aber was denn sonst, Herz?“ bat dringend der junge Mann, indem er ihre Hand ergriff, die sie ihm, aber nur widerstrebend ließ, „was, um Gotteswillen ist zwischen uns getreten, wo uns nicht einmal Noth und Entbehrung auseinander reißen konnten? Dein Vater war, als ich ihn das letzte Mal sprach, gut und freundlich gegen mich, und meine Mutter hat mich viel zu lieb, als daß sie, eines alten Vorurtheils wegen, das Glück ihres einzigen Sohnes zerstören sollte. Ich habe auch erst gestern wieder mit ihr über Dich gesprochen und fand zu meiner Freude, daß sie sich, in der Zeit meiner Abwesenheit, näher nach Dir erkundigt und von allen Seiten nur Gutes gehört habe. Ich begreife nicht, was geschehen sein kann, Dein Herz in so kurzer Zeit, ja in wenigen Stunden nur, von mir abzuwenden. Wie soll ich da noch Lust und Liebe zu meinem Beruf haben, wo mir die schönste Hoffnung, die ich daran knüpfte, in der Blüthe geknickt ist?“
Rosel schwieg noch immer — ein schwerer Seufzer nur hob ihre Brust und ganz in Gedanken zupfte sie die Blätter von einigen der Blumen, die sie eben noch mit solcher Sorgfalt gesammelt hatte.
„Ich wäre auch schon lange zu Dir herüber gekommen,“ fuhr der junge Mann bewegt fort, „denn diese Ungewißheit ließ mich nicht ruhen noch rasten, aber es gab gerade in den letzten Wochen so viel auf dem Criminalamt zu thun, daß ich kaum zu Athem gekommen bin. Ja ich mußte sogar, in einem wichtigen Verbrechen, dem wir auf die Spur gekommen sind, mit unserem Assessor eine Reise machen, die mich fast acht Tage von Hellenhof entfernt hielt. Gestern zurückgekehrt, hörte ich zu meinem Schreck, daß Dein Vater im Begriff stehe, Haus und Wirthschaft zu verkaufen und ganz von Wellheim fortzuziehen, und da litt es mich nicht länger. Ich mußte Dich sehen, und wenn ich auch für die Versäumniß vielleicht die ganze Nacht zu arbeiten habe. — Ist es wahr, Rosel — wollt Ihr fort von hier?“
„Ja,“ hauchte das Mädchen, „der Vater will wegziehen — ich weiß selber noch nicht wohin.“
Der junge Mann schwieg und ein bitteres Gefühl zog durch sein Herz, während er still vor sich nieder starrte.
„Ich weiß nicht,“ sagte er nach einer kleinen Weile, „was mir Deine Liebe rauben konnte — ich bin mir selber wenigstens keiner Schuld bewußt, denn nicht mit einem Gedanken habe ich an Dir gesündigt. Ich kann mir auch gar nicht denken, was Du dabei hast, mir den Grund zu verschweigen, denn Du bist sonst immer so wahr und offen gegen mich gewesen, wie ich auch nichts auf der Welt kenne, was ich Dir verschweigen möchte. Aber etwas hat sich zwischen uns gelegt — Gott weiß es, ohne mein Verschulden — und sicherlich auch ohne Deines, Rosel, und nur recht, recht traurig ist es, daß dies zwei Menschen soll für ihr ganzes Leben unglücklich machen.“