„Noch nicht, aber wir haben trotzdem allen Grund zu vermuthen, daß wir das Nest hier in der Nähe finden werden. So will ich denn wieder an meine Arbeit gehen. Lebe wohl, Rosel, und wenn ich Dich noch um Eines bitten darf, so — vergiß mich nicht ganz, denk’ manchmal an den Bruno, der es treu und ehrlich mit Dir gemeint hat und Dich lieben wird, so lange er lebt.“

Wie er noch einmal nach ihrer Hand griff, faßte er eine Blume, die aus dem Bouquet gefallen war; er hielt sie fest und sich dann rasch abwendend, schritt er, ohne sich auch nur noch einmal umzusehen, aus dem Garten.

Rosel war, als er sie verlassen, kaum eines Gedankens fähig, mitten im Wege stehen geblieben; die Blumen fielen aus ihrer Hand auf den Boden nieder, sie merkte es gar nicht. Sie that einen Schritt vorwärts, als ob sie ihm nacheilen möchte; sie wollte rufen, aber sie brachte keinen Laut über die Lippen, und lange, lange schon war er im Gebüsch verschwunden und außer Hörweite, als sie erst wieder die Kraft erlangte, sich zu bewegen.

Mit dieser Kraft kehrte aber auch das Bewußtsein ihrer Lage, das Entsetzliche des über sie hereinbrechenden Unglücks zurück, und Bruno selber, der Mann, den sie mehr als ihr eigenes Leben liebte, war der Träger desselben. Aber sie mußte ihren Vater sprechen, mußte ihn warnen und mit flüchtigen Schritten eilte sie in das Haus.

Ihr Vater war noch nicht da und, wie ihr Bärbel sagte, nach Hellenhof gegangen, hatte jedoch gesagt, daß er nicht lange ausbleiben würde. Sie wartete und wartete in peinlicher, verzehrender Ungeduld, doch er kam nicht. Sollte er wieder über Nacht ausbleiben? Der Abend dämmerte schon, indessen sie die einzelnen Minuten gezählt, die noch nie so langsam geschlichen waren, Paul Jochus ließ sich nicht blicken, und jetzt litt es sie nicht länger in dem alten Haus, wo es ihr war, als ob es über ihr zusammen brechen müsse. Sie warf Hut und Capuze über und eilte den weiten Weg nach Hellenhof hinaus.

Wohl schauderte ihr dabei, wenn sie daran dachte, daß sie auch jenem unheimlichen Fremden begegnen müsse, aber die Angst um den Vater überwog das Alles und fast athemlos erreichte sie, schon lange nach Dunkelwerden, das etwas abgelegene Gartenhaus, das ihr Bruder bewohnte. Kein Licht brannte darin, sie klopfte an die Thür, Niemand antwortete ihr, kein Zeichen, kein Laut verrieth, daß sich ein lebendiges Wesen in der Wohnung befände.

Wo waren sie Alle? In der Ruine? Sie hätte vor Angst und Entsetzen in die Kniee brechen mögen, aber es war keine Zeit, um sich irgend einer Schwäche hinzugeben, und noch einmal klopfte sie, stärker als vorher, und wartete auf Antwort.

Da öffnete sich in dem nächsten kleinen Haus ein Fenster, und eine Stimme rief von dort heraus:

„Da drin ist Niemand zu Haus.“