Nach und nach wurde es still in dem kleinen dunklen Raum; draußen rauschten die Palmen ihr flüsterndes Nachtlied durch den Wald und der unten vorbeispringende Bergstrom sandte das Geräusch des fallenden Wassers in leisem, dumpfem Murmeln bis hierher. Dann und wann vielleicht unterbrach der gellende Schrei eines Nachtvogels die heilige Stille, und einmal tönte dumpf und hohl das gierige Gebrüll eines Tigers vom Wald herüber. Dann war alles wieder still. Laykas konnte ihr Herz schlagen hören, wie es mit ängstlichem Klopfen ihr den Schlaf von den Lidern trieb.

Und morgen? – Der Kopf brannte ihr im Fieber, wenn sie an den morgenden Tag dachte! So mußte dem unglücklichen Verbrecher zu Muthe sein, der mit der nächsten Sonne zum Richtplatz geführt werden sollte und jetzt, an Ketten, im festen, verschlossenen Raum, des Henkers harrte, der ihn hinaus zum Galgen führen sollte. – Und war sie denn eingeschlossen und gefesselt? – Als ob ein scharfer Khris ihr Herz getroffen, so fuhr sie bei dem Gedanken empor. – Flucht – Flucht vor der Gefahr war noch möglich – aber wohin? –

Wohin? – Gleichviel, und wenn in den Tod! Lieber die Glieder im tiefen Strom gebettet, als in das Haus jenes furchtbaren Menschen! Lieber von den Tatzen des gierigen Tigers zerrissen, als von den Armen des Gefürchteten umschlungen! Und hatte sie denn nicht des Vaters Spruch dem Tode schon geweiht? War denn das Leben, wenn sie Tage, vielleicht gar Wochen, Jahre in jenem furchtbaren Elend vergehen – sterben mußte?

In immer rascheren Schlägen pochte ihr Herz, das die fest darauf gepreßte Hand nicht mehr zu bändigen vermochte, und der Athem stockte ihr, als sie sich leise und geräuschlos auf ihrem Lager aufrichtete, um auf den Schlaf der Ihrigen zu lauschen. – Sie athmeten tief und ruhig – ihr Vater träumte wohl gar von dem „Glück und Heil“, das er mit der Tochter Opfer über seine Hütte gebracht, und sah im Geist sich schon geachtet und geehrt – ja warum nicht auch gefürchtet von den Nachbarn. – Fort! – Das war der einzige Gedanke, der sie jetzt trieb. – Fort aus der Heimath – aus der Eltern Haus, von dem Herzen der Mutter fort, an der sie mit inniger Liebe hing, von den Geschwistern, für die sie ihr Leben gern geopfert hätte – denn das war mehr als Tod, was man von ihr verlangte!

In der Hütte war es vollkommen dunkel; nur durch einen Spalt der geflochtenen Bambuswand schaute hell und blinkend ein Stern herein. Geräuschlos glitt sie von ihrem Lager nieder und über den Boden hin. Hätten sie selbst gewacht, sie würden die Flucht des Mädchens nicht vernommen haben. Wie sie die Thüre erreichte, richtete sie sich auf und blieb an der Schwelle stehen. Ohne Abschied sollte sie fort, von allen, die ihrem Herzen theuer waren – ohne ein freundliches Wort von der Mutter, ohne eine Umarmung von den Geschwistern? – Aber sie durfte nicht zögern – der Vater regte sich auf seinem Lager. Wenn sie jetzt entdeckt wurde, ehe sie das Freie erreicht hatte, war sie verloren.

Sie öffnete den hölzernen Drücker der Thür so leise als möglich, und stand im nächsten Augenblick auf der Schwelle. Rasch fiel die Thür wieder hinter ihr ins Schloß, und während sie im Haus drin Stimmen zu hören glaubte, glitt sie über den kleinen freien Platz, der ihre Wohnung umgab, hinweg und in den Schatten eines dichten Mangustengebüsches hinein, das, mit anderen Fruchtbäumen wechselnd, bis zum Rand der Reisfelder lief. In dunkler Nacht brauchte sie hier keine Verfolgung mehr zu fürchten – sie war gerettet.

Gerettet? – Guter Gott – wie hatten noch gestern Abend diese Bäume, unter denen sie jetzt stand und die ihrer Eltern Haus umgaben, diese Palmen und Pisang so traulich, so heimlich gerauscht, wie lieb war jedes Blatt ihr da gewesen, und jetzt! – Stand sie nicht so wenige Stunden später wie eine Fremde in dem trauten Hain, und lag die Welt, nur wenige Schritte von dem Vaterhaus entfernt, nicht plötzlich so kalt und öde um sie her, als ob sie, inmitten all des Glückes und Segens, das Gottes Hand darüber hingestreut, doch weiter nichts als eine Ausgestoßene wäre?

Wohin jetzt? – Wie sie zuerst den Gedanken an Flucht erfaßte, war es der Tod, den sie suchen wollte, um sich von aller Noth, von allem Elend zu befreien. Jetzt aber, wo der Himmel wieder hell und klar mit all seinen tausend und tausend Sternen über ihr blitzte, wie sie wieder das Flüstern der Bäume, das Murmeln des Baches hörte, da klammerte das jugendliche Leben sich auch wieder fest und innig an die Welt, und unwillkürlich fast, ehe sie sich nur selber eines bestimmten Ziels bewußt war, floh ihr Fuß jetzt von der Richtung fort, in der der reißende und tiefe Bergstrom lag. In der Flucht aber, mit der freien Bewegung ihrer Glieder den Körper von der frischen Nachtluft gekühlt, mit dem Bewußtsein, jetzt zum erstenmal in ihrem Leben selbstständig, unabhängig, ja sogar der Willkür ihres Vaters entgegen zu handeln, kräftigte sich auch der Muth des armen flüchtigen Kindes. Ihr Auge blitzte kühner und entschlossener, ihre kleine Hand ballte sich fast krampfhaft und die fest zusammengepreßten Zähne, die keck und trotzig aufgeworfenen Lippen verriethen das zu seinem Selbstbewußtsein erwachte Weib.

Unschlüssig hatte sie allerdings noch einen Augenblick gestanden, als sie das nächste Thal erreichte. Aber nicht mehr über das Ziel, dem sie zufliehen wollte, war sie in Ungewißheit – das sollte Batavia sein, so fern dasselbe auch lag, denn dort zwischen den Fremden, von denen sie schon soviel erzählen gehört, durfte sie am leichtesten hoffen, unentdeckt zu bleiben. Arbeiten wollte sie ja, was ihre Kräfte nur vermochten, und von früh bis spät; war sie das schwerste Mühen doch von Kindesbeinen auf gewohnt! – Dorthin reichte auch nicht der Arm Schang-hai's, und einmal nur aus dem Distrikt hinaus, indem der Schreckliche zu herrschen schien, glaubte sie nichts mehr von ihm fürchten zu dürfen.

Aber sollte sie ihre Berge verlassen, ohne ein Wort des Abschieds von dem Geliebten? – Sollte er denn nicht einmal wissen, wohin sie den Fuß gewandt? – Schreiben, wie es die Weißen und Chinesen thaten, konnte sie nicht, und wie hätte ihn je eine mündliche Botschaft erreicht, die nicht zugleich ihren neuen Aufenthalt zu verrathen drohte? Dort drüben, wo der dunkle Waldesschatten, vom Mond nur schwach beschienen, lag, oben am Hügelhang, mitten im wilden Dickicht, hauste er, und durfte sie dorthin, allein, bei Nacht den Fuß zu setzen wagen? – Jene Gegend war ihrer Tiger wegen gefürchtet, und grade deshalb hatte sich Maono dort niedergelassen, um desto eifriger den Fang betreiben zu können und sein höchstes Ziel, den Besitz seines treuen Mädchens, zu erreichen. Wohl getraute sie sich den Pfad zu finden, der zu der einsamen Hütte führte – denn mit der Mutter war sie vor noch gar nicht so langer Zeit einmal am Tage dort gewesen, um Arekanüsse zu holen. Wie aber durfte sie der Gefahr trotzen, von den lauernden Bestien überrascht zu werden? Nachts und im Dunkel, ob der Mond am Himmel steht oder nicht, kommt der Tiger aus seinen Dickichten, in denen er den Tag über versteckt gelegen, hervor und schleicht ins Freie hinaus, seine Beute zu erlegen. Ein Rind, das er trifft, ein Pferd, ein Stück Wild, es ist ihm alles willkommen, und gleich gierig stürzt er über alles her. Die Bestien aber, welche schon einmal in früherer Zeit Menschenfleisch gekostet, und denen dasselbe wohl geschmeckt haben mochte, ziehen von da an diese Beute jeder andern vor. Das sind dann die gefährlichsten Raubthiere, und dem Menschen mit ihrer furchtbaren Kraft, ihrer List und Blutgier vor allen anderen furchtbar. Der Javane nennt diese denn auch in ganz besonderer Auszeichnung „die Menschenfresser.“