Laykas zögerte, aber es war nur ein Augenblick. Wie klein schien ihr diese Gefahr gegen die andere, der sie sich erst gewaltsam durch die Flucht entzogen! Stieg nicht der Mond gerade in all seiner Pracht und Klarheit, fast gefüllt, am östlichen Himmel empor? Der leuchtete ihrem Pfad – er und die Liebe sollten sie führen! Und hatte sie Maono von ihrem Plan in Kenntniß gesetzt, wußte er, und nur er allein, wohin sie sich gewandt, und weshalb sie den verzweifelten Schritt gethan, dann konnte sie auch mit fröhlichem Muth, mit leichtem Herzen ihren weiten, mühseligen Marsch durch fremde unbekannte Distrikte, zu fremden Menschen, in eine ihr fremde Welt antreten, und das arme hülflose Mädchen sah, trotz der Gefahren, die überall ihre Bahn umlauerten, mit froher, ruhiger Zuversicht der ungewissen Zukunft entgegen.
Wie sie freilich in dem fernen Batavia, wenn sie es erst glücklich erreicht, ihr Leben fristen sollte, war ihr jetzt selber noch nicht klar. Nur das fühlte sie, daß sie arbeiten konnte und wollte, und aus ihrer Gegend selbst waren ja schon in früherer Zeit Einzelne dorthin ausgewandert, und mit Geld und guten kostbaren Kleidern zurückgekehrt – warum sollte es ihr dort fehlen?
Rüstig schritt sie, nur dann und wann einen scheuen Blick zurückwerfend, ob sie nicht verfolgt würde, ihrem schmalen Pfade entlang, der sie, sobald sie das Fruchtdickicht ihrer eigenen Heimat verlassen, am Hügelhang hin, und zwischen einer Anzahl von Reisfeldern hindurchführte. Es war ein beschwerlicher Weg, bei dem unsicheren Licht des kaum aufgegangenen Mondes die schmalen schlüpfrigen Raine zwischen den unter Wasser gesetzten Reisfeldern einzuhalten, aber sie kannte hier jeden Fuß breit Boden und wußte, daß sie rascher vorwärts eilen konnte, sobald sie nur einmal die steinigen Hügelhänge, in denen ihr jetziges Ziel lag, erreicht hatte.
Hier begann freilich auch das Gebüsch, wilder Pisang, prachtvolle Farn- und einzelne Arekapalmen, mit einem dichten Unterholz anderer Laubbäume – hier begann für sie die Gefahr in den Hinterhalt eines der furchtbaren Raubthiere, und der blutgierigen Bestie in den Rachen zu laufen, und als sie den düsteren Waldesschatten erreichte, in den der Mond jetzt seine wunderlichen Lichter warf, blickte sie im Anfang scheu und rasch umher und hielt auch wohl den flüchtigen Schritt plötzlich an, um irgend einem fremdartigen Geräusch, einem Rascheln im Busch besser zu lauschen, das ihr Herz schneller klopfen machte. Das aber waren immer nur Momente; ihre Flucht hielt es nicht auf, und eine Ravine kreuzend, erreichte sie jetzt wieder, kaum noch tausend Schritt von der Hütte entfernt, in der Maono seine Wohnung aufgeschlagen, einen offenen Strich Landes, durch den die breite, gut in Stand gehaltene Straße am Rand der Ravine hin lief. Diese Straße führte von Tji-dasang aus zuerst nach dem großen Gut eines Chinesen, und stand weiter unten mit der Javanischen Hauptpoststraße, die durch die ganze Insel läuft, in Verbindung. Diese Straße mußte sie ebenfalls kreuzen, der Pfad aber, den sie kannte, und der durch die ihr gegenüberliegende Dickung führte, lag etwas weiter oben, gerade an der Stelle, wo eine wohl dreißig Fuß hohe Farnpalme ihren federnartigen Wipfel über dem Fuhrweg schaukelte. Gerade durch den Wald zu brechen wäre ihr, selbst am hellen Tag nicht möglich gewesen, so dicht in einander flocht diese gewaltige Vegetation ihre Zweige und Lianen, und rasch der Straße aufwärts folgend, sah sie schon von weitem den Schatten der Palme über die weiße Straße hinüber hängen, als sie, dicht neben sich im Weg sich etwas regen sah.
Mit einem halben, kaum unterdrückten Aufschrei flog sie zurück, und wie gelähmt erstarrten ihr in dem Moment, vor dem entsetzlichen, jede Willenskraft vernichtenden Schreck die Glieder, denn vor ihr stand, halb scheu unter seinen großen Hut zurückgedrückt, und doch auch wieder fast eben so überrascht, wie sie selber, auf sie schauend, der furchtbare [Schang-hai]. Die kleine, breite, wie zum Sprung ineinandergepreßte Gestalt war nicht zu verkennen, und seine Augen schienen wie glühende Lichter nach ihr herüber zu funkeln.
„Allah schütze mich!“ stöhnte die Jungfrau. Als ob aber mit den herausgestoßenen Worten der Zauber gebrochen wäre, der sie bis dahin gefangen gehalten, so floh sie jetzt, einem aufgescheuchten Reh gleich, mit Blitzesschnelle der Farnpalme zu, und dort mit einem Sprung den weiten Graben überfliegend, in den Wald hinein. Scheu drehte sie den Kopf zurück – sie hörte Schritte hinter sich – das Laub raschelte, und kaum ihrer Sinne noch mächtig, verfolgte sie ihre Flucht in wilder Hast immer den Pfad entlang, bis sie sich endlich an der wohlbekannten Gruppe von Arekapalmen fand. Wieder glaubte sie ein dumpfes Geräusch hinter sich zu hören, aber durch die Palmen hin kannte sie einen näheren Pfad zur Hütte, und glitt wie eine Schlange in den dunklen Schatten des dichten Unterwuchses von Pisang- und Cacaobüschen hinein. Jetzt hatte sie das Bambushaus erreicht – die hohen Stufen flog sie hinan, preßte den Drücker nieder, und als dieser dem Griff nachgab, und die Thür sich in ihren Angeln drehte, brach sie, nicht mehr im Stande die furchtbare Aufregung der letzten Stunden zu ertragen, auf der Schwelle ohnmächtig zusammen.
4.
Mitten im wilden, dichten Wald auf Java, findet der Wanderer oder Jäger, wenn er sich durch einen halbverwachsenen alten Pfad Bahn gehauen, manchmal weite Gruppen schlanker hochstämmiger Cocos- und Arekapalmen in der tiefsten Wildniß stehn. Sonst sind dies stets, besonders die letzteren, sichere Zeichen von der Nähe menschlicher Wohnungen, und noch mehr bestätigen gewöhnlich schattige Fruchtdistrikte von Mangusten-, Romboutan-, Nangka- und Manga-Bäumen, und wie die wundervollen Bäume alle heißen, solche Vermuthung, und scheinen dem Fremden wie bittend die beladenen Zweige entgegenzustrecken, daß er sie nur in etwas von ihrem drückenden Reichthum befreien möge. Und doch würde in den meisten Fällen der mit dem Land Unbekannte kaum ein Merkmal finden, daß solche Stelle je bewohnt gewesen und noch andere Geschöpfe als Tiger und Rhinoceros hier dem weichen Boden ihre Fährten eingedrückt.
Und dennoch standen dort früher die leichten Hütten der Eingeborenen, deren Spur jetzt freilich der Zahn der Zeit vom Boden vertilgt, und ihre letzten Überreste unter der verwesenden dichten Laubdecke dieser üppigen Vegetation begraben hat. Nur die Natur selber blieb ewig jung, und höher und kräftiger noch hoben die Palmen ihre wehenden Kronen empor, und schauten stolz und kühn aus dem dichten Laubmeer hervor, das sie ringsum überragten.
Unter diesen Palmen und dem wilden Gewirr von Pisang, Farren, Lianen und andern Fruchtbüschen hat in früherer Zeit einmal ein urbargemachtes Feld gelegen und des Menschen fleißige Hand dem Boden Nahrung für sich abgezwungen. Kaum aber wurden die Menschen wieder abgezogen, so forderte der Wald sein Eigenthum mit herrischer Gewalt zurück, streute seinen Saamen darüber hin, und trieb die alten, bis dahin nur mit Noth und Mühe zurückgehaltenen Wurzeln auf's neue in kräftigen Schößlingen empor. Was dabei die Vegetation allein zu leisten vermag, beweisen schon die Pisang oder Bananenstämme; denn in sechs Monaten treiben diese einen Stamm von Beinesdicke, um im nächsten Jahr den Boden damit zu düngen, und fünf oder sechs ähnlichen Schößlingen Saft und Nahrung zu geben.