Halls Zelt stand gar nicht weit von Austins, nur etwas tiefer nach dem Fluß zu hinunter. Austins Zelt war das höchste nach den hier niedrigen und offenen Hügeln zu.

Es war unter der Zeit dunkel geworden und die Lagerfeuer leuchteten roth und glühend in die sonst stockfinstere Nacht hinaus. Ueberall von den Bergen funkelten sie herüber, hie und da einzeln, wie sich die Laune der Goldwäscher ihren Lagerplatz gesucht, hie und da in dichten leuchtenden Gruppen, wo irgend ein günstig gelegener Platz vielen Zelten zu gleicher Zeit Raum, Holz und Wasser gestattete. Muntere Lieder tönten dabei von manchen Orten her durch die stille Nacht, und Hundegebell und Viehgeblöck. Und die hellen Zelte standen weiß und schimmernd, hie und da von der flackernden Flamme grell beleuchtet, dazwischen, und dunkle Schatten glitten daran hin und wieder, und an manchen Stellen, wo das Abendbrod schon vorüber war, wurden trockene Stücke Holz aufgeworfen, daß die glühenden Funken blitzend zum dunklen klappernden Laub der Gumbäume emporstieben, und hoch in die Nacht hineinwirbelten.

Da wurde der stille Frieden dieses Abends plötzlich durch einen rauhen und wilden Lärm unterbrochen. Das Toben schallte aus Austins Zelt herüber, und Jewells Stimme, die noch vor kaum einer halben Stunde so fröhlich geklungen hatte, heulte und wehklagte:

»Weh mir, weh mir, ich bin ein geschlagener Mann – ich bin todt – ich bin todt!«

Jack war einer der ersten mit, die sich oben am Platz einfanden, zu sehen, was für ein Unglück vorgefallen wäre – die Sache wurde bald ruchbar. Irgend ein schlauer Dieb, wahrscheinlich mit anderen im Bunde, die Aufmerksamkeit der Verkäufer so lange im Innern zu fesseln, hatte hinten die Zeltwand aufgeschnitten und etwa 5 bis 600 Pfd. St. in Goldstaub, Silber und Banknoten entwendet; und dicht hinter dem Zelt lag der dunkle Hügel, über den hin der Dieb sich und seinen Raub wohl schon lange in Sicherheit gebracht.

Der arme Teufel von Jude raufte sich indessen die Haare, warf sich auf die Bündel wollener Decken nieder, die im Zelt lagen, und war in Verzweiflung – er hielt sich mit dem Verlust des Goldes, das er sich nichtsdestoweniger rasch genug verdient hatte, für rettungslos verloren.

An den Zelten wurden an diesem Abend, in der ganzen Nachbarschaft herum, nichts wie Diebesgeschichten erzählt, und Jack, der geglaubt hatte, daß dieser Platz hier oben ein Muster von Ehrlichkeit sei, erstaunte, von so vielen Einbrüchen und Diebstählen zu hören – er hatte das gar nicht für möglich gehalten. Er faßte auch den Entschluß, das nächstemal sein Werkzeug Abends mit nach Hause zu bringen, und lieber einen Stock mit einem Zettel in die Grube zu stellen.

Am nächsten Tag war Sonntag, und die Leute gingen alle gar sauber in rothen oder blauen Hemden und mit reingewaschenen Hosen und Filzhüten einher. Es herrschte ein ruhiger und stiller des Sabbaths würdiger Ton, und Hall meinte, es komme dies besonders daher, daß die Regierung keine einzige Licenz für den Branntweinverkauf in den Minen ausgegeben habe, und die Goldwäscher überhaupt einstimmig dagegen seien, daß spirituöse Getränke in die Berge hinaufgeschafft oder wenigstens verkauft würden. Oeffentliche Spieler wurden eben so wenig geduldet, jedenfalls ein Segen für die Minen, und ein paar, die den Versuch gemacht hatten, damit anzufangen, waren schnell eines besseren belehrt worden.

Es hatte sich aber auch sogar ein Geistlicher in diese unwirthbaren Berge hinaufgefunden, und schon früh am Morgen lief das Gerücht durch das Lager, daß um 11 Uhr offene Kirche gehalten werden sollte. Ein Zelt hatte man dazu freilich nicht, die Predigt mußte im Freien stattfinden. Eine sehr große Menschenzahl hatte sich gerade an der Stelle, wo gepredigt werden sollte, eingefunden, und der Prediger, eine lange dünne Gestalt, mit harten trockenen Gesichtszügen, überschaute mit einem zufriedenen Lächeln die gewiß nicht so zahlreich erwartete Schaar frommer Gläubiger, die herbeigeströmt waren, das Wort Gottes in der Wüste zu hören. Als er übrigens, nach etwa einer Viertelstunde, in der er allerdings vergebens gewartet hatte, daß die zu einer richtigen, eindrucksvollen Predigt nöthige Ruhe und Stille eintreten sollte, seine Predigt mit sehr lauter Stimme begann, die noch etwa Unruhigen darauf aufmerksam zu machen, daß von jetzt an der Prediger allein das Wort habe, trennte sich die ganze Schaar in zwei, sonst an Zahl aber sehr ungleiche Hauptmassen, von denen der Prediger leider das kleinste Häuflein um sich sah, und wenigstens drei Viertheile der übrigen nach Oakey-Point – ein paar hundert Schritte davon entfernt, zudrängten, wo gar rasch ein sicherlich sehr interessantes Schauspiel ihre Aufmerksamkeit so fesseln mußte, daß manchmal in der wogenden Menschenmasse Todtenstille herrschte, dann aber plötzlich wieder ein so tolles Jubelgeschrei ausbrach, daß der Prediger nicht einmal sein eigenes Wort, viel weniger die fromme Gemeinde die Predigt hören konnte.

An Oakey-Point fand nämlich ein Boxerkampf zwischen einem alten und jungen »Cove« statt, wie diese Leute in der australischen »Flash-« Sprache genannt werden; der Alte hatte längere Praxis und kaltes Blut, der Jüngere Stärke und Gewandtheit für sich, und der Kampf schien lange unentschieden zu bleiben – länger wenigstens als die Predigt dauerte, die zum Scandal der religiös Gesinnten ziemlich kurz abgeschnitten werden mußte.