»Morgen früh um sieben oder acht Uhr sind die nun in Sidney,« dachte er so bei sich, und du mußt nun noch drei Tage marschiren, ehe du dort einrücken kannst – ich wollte doch, ich hätte einen Platz auf der Post bekommen, wenn man auch ein Bischen unbequem sitzt, kommt man doch dafür auch so viel rascher von der Stelle.
Als er eine halbe Stunde weiter marschirt war und unten an den Fuß des Berges kam, lag die Post da, und von den Passagieren hatte sich kaum die Hälfte erst wieder auf ihre Beine gefunden; die andere schien mehr gelitten zu haben, als sie sich selber noch gestehen mochte, und in den betrübtesten Stellungen von der Welt lagen und kauerten sie umher. Nicht ein einziger von ihnen frug Jack mehr, ob er seine »Cradle« verkauft habe, und sie hätten sich doch jetzt ganz genau und ausführlich bei ihm darnach erkundigen können.
Jack half ihnen den Wagen wieder mit aufrichten – und dem Kutscher lief dabei fortwährend das Blut am Kopf herunter. Die Passagiere sollten dann wieder hineingepackt werden, damit hatte es aber seine Schwierigkeiten – ein alter Mann lag besonders halb bewußtlos da, und mußte sich fortwährend übergeben. Als sie ihn endlich auf den Wagen hoben, meinte er mit leiser, von Schmerzen oft unterbrochener Stimme, er hätte es sich schon den ganzen Tag zugelobt, das solle das letztemal sein, daß er auf einer australischen königl. Post fahre, und er fürchte jetzt, er habe wahr gesprochen – er würde wohl nicht viel mehr fahren.
Die Post kam endlich wieder in Gang, den alten Mann fand aber Jack in dem nämlichen Haus, wo er die Nacht blieb – er hatte das Fahren nicht länger ausgehalten und sie mußten ihn zurücklassen. Jack war froh, daß er nicht auf der königl. Post gefahren war, denn es ist nicht allein, daß man unbequem darauf sitzt, man kommt auch manchmal unbequem zu liegen.
Am nächsten Morgen wanderte Jack durch einen Gumwald – es ist das nämlich das Eigenthümliche in Australien, daß sich überall, wo nicht gerade eine Plain – d. h. eine Strecke Landes ohne Bäume und viele Monate im Jahr auch ohne Gras – liegt, oder das Land cultivirt ist, Gumwald befindet. Da ihm die Scenerie nicht das mindeste Neue bot, und der schwere sandige Weg ihn ermüdete, marschirte er still und ohne aufzusehen weiter. Er achtete nicht einmal mehr viel auf die Karawanen, die an ihm vorbei nach dem gelobten Lande hinaufzogen, holte auch nicht mehr viel ein, denn er ging sehr langsam, und diejenigen, die ihn überholten, schienen ebenfalls keine besondere Lust zu haben, sich in lange Conversationen einzulassen.
»Hallo, Ihr da, seid Ihr der Postbote, daß Ihr solche Eile habt und ohne Gruß oder Wort an einem anderen vorbeischiebt?« weckte ihn plötzlich eine Stimme aus seinen stillen Betrachtungen, und als er aufschaute sah er einen Mann, der dicht am Wege, mit einem sogenannten Swag – einem in seine wollene Decke eingehüllten Packet – auf einem gefällten Baumstamm saß und sich auszuruhen schien; »wollt Ihr nach Sidney?«
»Ja,« sagte Jack, »und Ihr« –
»Denselben Weg, Camerad,« fuhr der andere fort, »da können wir uns ja die Zeit ein wenig kürzen und zusammen gehen.« Er stand bei diesen Worten auf, nahm sein Bündel auf den Rücken, und schlenderte langsam neben Jack her.
Es war ein breitschultriger aber magerer Gesell, mit etwas aufgestülpter Nase, niederer Stirn und blauen Augen, das Haar braun und kurz abgeschnitten, die Augenbrauen ziemlich buschig, es lag aber etwas offenes in seinem Blick, und er hatte eine Art trockenen Humors, der Jack für ihn einnahm. Ein Gespräch konnte die Reise jedenfalls kürzen und ihm doch wenigstens in etwas die Langeweile des sonst so schauerlich monotonen Gumwaldes und des Sandbodens vertreiben.
Der Fremde ging in die gewöhnliche Minentracht gekleidet, hatte ein blaues Hemd und eine englisch lederne Hose an, beides ziemlich neu und gut aussehend, dabei aber einen alten Strohhut auf und ein baumwollenes Tuch um die Ohren gebunden – er hatte Zahnschmerzen, wie er sagte. Die Füße staken in groben Schuhen und das blaue Hemd trug er, der Sitte nach, als Rock und über der Hose draußen.