»Aus dem leeren Gewehr?« lachte Tolmer. »Es stecken nur Zündhütchen darauf, daß es besser aussieht. Aber hört mich, Mulligan,« fuhr er plötzlich, als der Buschrähndscher das Gewehr mißtrauisch betrachtete und nicht übel Lust zu haben schien, den Ladestock herauszuziehen, ernster und mit einem mehr theilnehmenden Ton fort: »Noch sind wir unter uns. So viel ich weiß, ist Euch bis jetzt kein ernsteres Vergehen zur Last gelegt worden, als die gelegentliche Erpressung von Provisionen, die mit der Noth entschuldigt werden kann. Ihr habt noch kein Blut vergossen, und wenn auch wieder eingefangen als Buschrähndscher, steht Eure Sache noch immer nicht so schlimm. Ein oder zwei Jahr geschärfte Ueberwachung ist wahrscheinlich die Strafe, die Ihr bekommen werdet, und ich werde Euch durch meine Aussagen nicht tiefer hineinreiten. Stellt einmal das Gewehr an die Wand; ich mag nicht mit Euch reden, so lange Ihr eine Flinte in der Hand habt, wenn sie auch nicht geladen ist.«
Mulligan sah ihn an und zögerte.
»Soll ich das Zeichen geben?« frug Tolmer, »daß meine Leute Euch mit der Waffe in der Hand ertappen?«
»Sie haben Recht, Mr. Tolmer,« sagte der Mann, dem die Ruhe des Polizeioffiziers imponirte. Der, den er vor wenigen Minuten noch in seiner Gewalt geglaubt, mußte wirklich Hülfe in seiner unmittelbaren Nähe haben, er wäre sonst wenigstens vor seinem Erscheinen erschreckt, oder hätte sich in anderer Weise verrathen – und mit den Worten lehnte er das Gewehr an die Wand, Tolmer aber brachte jetzt seine Hand langsam unter den Rock, der Brusttasche zu, wo er ein geladenes Pistol stecken hatte. Jetzt fühlte er sich sicher, denn er war im Stande, dieses zu ziehen und abzudrücken, ehe der Buschrähndscher das Gewehr wieder aufgreifen konnte.
»So – ich sehe, Ihr seid vernünftig,« sagte er ruhig, ohne jedoch die Waffe hervorzuziehen oder im Mindesten zu verrathen, daß er sich nicht vollkommen sicher fühle, »aber Ihr seht bleich und elend aus, Mulligan. War denn das nun der Mühe werth, daß Ihr Eurer Strafe entsprangt, nur um ein solches Hundeleben im Busch zu führen?«
»Es ist ein Hundeleben,« knirschte der Mann leise vor sich hin, »und ein Hund möcht's nicht länger führen. Gehetzt wie ein Dingo,[7] von den Cameraden verrathen, fortwährend nur auf der Wacht, das elende Leben in Sicherheit zu bringen. Ich will's auch nicht länger führen; nehmen Sie mich mit nach der Colonie hinüber; Mr. Tolmer. Ich habe das wilde Treiben satt und übersatt.«
»Jetzt sprecht Ihr wie ein vernünftiger Mensch,« sagte Tolmer, von seinem Bett aufstehend. Er vergaß fast, daß er einen wunden Fuß hatte, in solcher Aufregung befand er sich, sein Gewehr nur erst wieder einmal in Händen zu haben. Wer stand ihm dafür, daß den Buschrähndscher nicht in der nächsten Minute schon seine Unterwerfung gereute? »Ihr sollt auch unterwegs ordentlich behandelt werden – wenn Ihr mir nämlich versprecht, Euch auch ordentlich zu betragen.«
Er ging dicht zu ihm heran und stand jetzt neben seiner Waffe, ohne sie aber zu berühren. Zeigte er auch nur die geringste Furcht, so wußte er, daß der Mann, mit dem er es hier zu thun hatte, seinen Vortheil rasch genug benutzen würde. Außerdem konnte er nicht einmal hart auf seinen Fuß auftreten, und wäre deshalb in einem Handgemenge augenblicklich unterlegen. Nicht ein Laut rührte sich draußen; seine Leute waren vielleicht noch meilenweit entfernt.
»Aber die – Anderen sind noch draußen im Busch,« sagte der Sträfling endlich nach einigem Zögern.
»Keiner mehr, Mulligan,« erwiderte Tolmer ruhig, »wir haben sie Alle.«