»Und das Pulverhorn mit den Kugeln nicht zu vergessen,« rief John.
»Nur rasch, denn die Teufel sind uns schon auf den Fersen.«
»In dem Dickicht vergebens,« lachte John, »her mit den Waffen, Canaille.«
»Gnade, Gnade!« flehte der Beamte auf den Knieen und in Todesangst.
»Das ist die Gnade, die Du verdienst,« rief Rothkopf, und in voller Kraft und Wuth, mit der geballten Faust zum Stoß ausholend, warf er den Unglücklichen leblos in das dürre Laub zurück. Im Nu hatten sie ihm dabei den Rock ausgezogen, die Uhr aus der Tasche gerissen, und flohen nun, als sie die Verfolger schon von oben herunter durch die Sträucher brechen hörten, gerade nach unten in den dicksten Busch hinein.
Wohl suchte eine rasch herbeigezogene Hülfstruppe noch an diesem Abend und die nächsten Tage den Wald nach allen Richtungen hin ab. Große Belohnungen wurden dabei von der Regierung ausgesetzt, und Polizeisoldaten wie Militair war Monate lang beschäftigt, diese frechen Flüchtlinge wieder einzubringen – galt es ja doch auch, an ihnen ein Beispiel zu statuiren – doch vergebens. Gentleman John wie Rothkopf waren und blieben verschwunden, und riefen sich nur dann erst wieder in die Erinnerung des Publikums zurück, als ein paar hinter einander verübte freche und kühne Raubanfälle ihre Namen von Neuem auf die Lippen der Buschbewohner und Reisenden brachten.
3. Gentleman John.
Die Poststraße zwischen der Hauptstadt der jetzigen Colonie Victoria, Melbourne, und der von Süd-Australien, Adelaide, war damals noch gar nicht so lange eröffnet, und einmal wöchentlich fuhr in jener ersten Zeit ein zweirädriger Karren (der eine Anzahl von Passagieren tragen konnte) mit den Postbeuteln betraut, die lange, öde, durch den dichten Busch nur nothdürftig ausgeschlagene Bahn. Die Fahrt selber war eine Marter für den Reisenden, und auf Bequemlichkeiten unterwegs durfte er eben so wenig rechnen. Nichts destoweniger wurde diese »Royal mail« doch stark benutzt, da sie die einzige zu einer bestimmten Zeit abgehende und eintreffende Verbindung zwischen den schon ziemlich bedeutenden Städten des australischen Continents bildete. Dampfschifffahrt war nämlich noch nicht eingerichtet, und die Passage auf einem gelegentlich abgehenden Segelschiffe viel zu ungewiß und langweilig, um sich ihrer zur Personenbeförderung gern zu bedienen.
Wie aber die Straße rauh und die »Postkutsche« selber nur ein höchst primitives Fuhrwerk war, so diente noch die Unsicherheit der Gegend damals bedeutend dazu, das »Romantische« einer solchen Fahrt zu erhöhen. Gar nicht etwa so selten kam es vor, daß die Reisenden von in den Busch entflohenen Sträflingen angefallen und geplündert wurden. Doch galt es dabei als Thatsache, daß sie für ihr Leben Nichts zu fürchten hatten, sobald sie sich gutwillig dem Unvermeidlichen fügten und – keine Waffen bei sich führten. Die sogenannten »Bushrangers« nahmen ihnen dann eben ab, was sie selber brauchen konnten, untersuchten die Postfelleisen nach Geld oder Geldeswerth und ließen die Passagiere meist ungehindert ziehen.
Nur wenn sie dieselben gegen sich gerüstet oder gar Widerstand fanden, war es vorgekommen, daß der so verübte Raub auch in einen Raubmord ausartete, und es blieb bald kein Geheimniß mehr, daß der berüchtigte Führer dieser Schaar niemand Anderes sei als Gentleman John selber.