»Euer Segel auf!«

Im Nu faßte es der Wind und riß das Boot durch den gährenden Strudel hin. – Schon hob sich die neue Woge wieder bäumend auf, und hinter dem Spiegel des kleinen Fahrzeugs selber quoll es empor in riesenhafter Majestät – noch wenige Sekunden, und es hätte dem Schiff den Wind entzogen und es hineingezogen in den Wasserberg – aber die Ebbe half den Räubern über die Gefahr. Zischend schoß das schlank und trefflich gebaute Boot der offenen Fluth, der freien See, entgegen, und jauchzend, jubelnd begrüßten die Geretteten das Meer!

4. Die Känguruh-Insel.

Es war im Monat Juli, als die letzten Streiftruppen von Militair und Polizei, die im April die Buschrähndscher-Bande des »Gentleman John« theils getödtet und gefangen, theils zerstreut hatten, nach Adelaide zurückkehrten.

Trotz aller Energie ihres Führers, und trotz der wirklich unvergleichlichen Ausdauer der Leute, war es ihnen aber doch nicht gelungen, des Gefährlichsten der Schaar, des berüchtigten Gentleman John, habhaft zu werden. Selbst in See ausgesandte Kutter, die an den Küsten kreuzten und weite Strecken hinaus den Ocean absuchten, konnten nichts von jenem Boot, das man zuletzt an der Mündung des Murray gesehen, entdecken, und es blieb kaum mehr einem Zweifel unterworfen, daß die verwegenen Räuber, die damals dem Arm der strafenden Gerechtigkeit entkommen, ihren Tod in der an der Einfahrt der Encounterbai stehenden Brandung gefunden.

Was dieser Vermuthung noch mehr Wahrscheinlichkeit lieh, war, daß man gerade in jener Zeit die Trümmer eines zerschellten Bootes unfern jener Stelle an der Küste entdeckt hatte. Jedenfalls mußte es dasselbe sein, das den Buschrähndschern gehörte, und wenn sie auch den Galgen also um sein Recht betrogen, war doch wenigstens die Colonie von ihnen befreit, und die einzelnen Stationshalter draußen im wilden Busch konnten freier athmen.

Das war ziemlich die allgemeine Ansicht in der Colonie, die dadurch noch mehr befestigt wurde, daß man selbst wochenlang nach der Rückkehr der Expedition Nichts mehr von einem neuen Ueberfall einzelner Reisenden oder Stationen hörte. Die Wege im Busch waren so sicher, wie die Straßen von Adelaide im hellen Sonnenschein, und hatten sich wirklich Einzelne der Scharr zu Land geflüchtet, so schien Nichts wahrscheinlicher, als daß sie entweder in der trostlosen, wasserarmen Wildniß umgekommen, oder von den Schwarzen »gespeert« seien.

Nur Einer der Polizeibeamten, die sich damals dem Zuge angeschlossen, theilte nicht die Meinung der Anderen, daß nämlich Gentleman John sein Ende in den Wogen gefunden, und das war Tolmer, der Chef jenes gegen die Buschrähndscher ausgesandten Trupps selber. Er hatte das Boot gesehen, er kannte auch die Gefahr der Brandung an der Victoriasee-Mündung, aber er wußte ebenfalls, daß eine Ausfahrt zu Zeiten möglich sei, und traute dem tollkühnen Räuber recht gut zu, die Schwierigkeiten und Gefahren derselben besiegt zu haben.

Die noch auf seinem Kopf stehenden zweihundert Pfund Sterling lockten ihn dabei weit weniger, als die Ehre, den gefährlichen und berüchtigten Räuber, trotz allen Kreuz- und Quersprüngen desselben, noch einmal zu überlisten und einzubringen, und mit unermüdlicher Ausdauer, mit einer Zähigkeit, die sich durch nichts entmuthigen und abschrecken ließ, durchritt er das halbe Murray-Thal und die Wildniß bis zu den besiedelten Distrikten der Nachbar-Colonie, und umsegelte die Küsten, die sich nach rechts und links von Adelaide ausstreckten, die mögliche Spur von dort gelandeten Fremden zu entdecken.

Umsonst – Nirgends war auch nur das Geringste von den entkommenen Räubern zu entdecken, und als letzte Möglichkeit fuhr er nach der der Hindonoff-Landzunge gegenüberliegenden Känguruh-Insel hinüber. Er wußte recht gut, daß Gentleman John bei seinem ersten Debüt als Buschrähndscher die Schlupfwinkel jener Insel genau kannte, und war es ihm nicht gelungen, in See ein Schiff anzurufen und Australien ganz zu verlassen, so blieb Nichts wahrscheinlicher, als daß er sich wieder dorthin geflüchtet habe.