Ohne das geringste glückliche Resultat durchstreifte er aber die ganze Wildniß drüben, kroch durch die ihm nur zu wohl bekannten Känguruh-Dornen, dem flüchtigen Räuber nur erst einmal wieder zu begegnen. Auf den Stationen erhielt er – das alte Leiden – nur ungenügende, ausweichende Nachrichten. Niemand wollte die Buschrähndscher gesehen haben, Niemand etwas von ihnen wissen, und er sah sich endlich genöthigt, so ungern er es that, seine weitere Verfolgung aufzugeben. – Gentleman John war jedenfalls auf ein Schiff entkommen, und dann freilich hätten sie ihn hier wohl vergeblich suchen sollen.

An Cap Borda, der Nordwestspitze der Insel, blieb er eine Nacht auf einer von einem Mr. Bloome dort angelegten Station. Er wollte von hier aus nach Adelaide zurückkehren, wurde aber in diesem Vorsatz durch ein Gespräch mit Mr. Bloome selber wankend gemacht. Bloome nämlich erzählte ihm von einem sehr reichen Engländer, mit dem in Gemeinschaft er in nächster Zeit einen Schooner ausrüsten wolle, um an den australischen Küsten und nach Neu-Seeland hin Handel zu treiben. Ein Bruder von ihm, früher einmal Steuermann auf einem Ostindienfahrer, war zu dem Zweck schon nach Sydney abgegangen, ein passendes Fahrzeug dort anzukaufen, und er erwartete diesen mit jedem Tage zurück.

Stutzig machte ihn zuerst die Nachricht, daß der Fremde als ein Schiffbrüchiger auf die Insel gekommen sei, an deren Küste er, wie Bloome sagte, sein eigenes Fahrzeug verloren habe, und sein Verdacht wurde zur Gewißheit, als er im Lauf des von ihm äußerst vorsichtig geführten Gesprächs erfuhr, daß unter den wenigen, die sich mit ihm gerettet, auch eine schwarze Frau gewesen sei.

Capitain Howitt, wie er sich nannte, sollte übrigens, des Squatters Bericht nach, erst gestern zu Land nach Point Marsden an der Nordseite der Insel gegangen sein, wo er noch Geschäfte, den Ankauf von Waaren betreffend, abzuschließen habe. Mr. Bloome erwartete ihn nicht vor der nächsten Woche zurück.

Tolmers Entschluß war rasch gefaßt. Es war dies überhaupt seine letzte Hoffnung, den flüchtigen Räuber noch aufzufinden, und wenn er auch jetzt, allein und ohne Unterstützung nichts Entscheidendes gegen ihn unternehmen konnte, so wollte er ihn doch wenigstens erst einmal sehen, wollte sich selber überzeugen, daß es wirklich der vogelfreie Verbrecher sei, und dann so rasch als möglich nach Adelaide zurückkehren, Hülfe von dort herbeizuholen.

Mr. Bloome hatte, wie er bald im Gespräch merkte, keine Ahnung davon, was für ein gefährlicher Charakter sein zukünftiger Compagnon sein könne, und Tolmer war viel zu vorsichtig, ihm auch nur das Geringste merken zu lassen, welchen Verdacht er selber habe. Ein unbedachtes Wort des Squatters hätte während seiner Abwesenheit den schlauen Verbrecher nur zu leicht warnen, und all seine Mühe vergeblich machen können. Die Nacht blieb er übrigens noch bei seinem gastfreien Wirth, der ihn überdies vor dem nächsten Morgen gar nicht fortgelassen hätte, und suchte während der Zeit Näheres von ihm über die früheren Kameraden des Schiffbrüchigen zu erfahren. Diese befanden sich, Mr. Bloomes Meinung nach, am andern Ende der Insel, vielleicht gerade dort, wohin jener Mr. Howitt gegangen, wenigstens hatte er hier nichts weiter von ihnen gesehen, und bekümmerte sich auch, wie er mit einem Seitenblick auf Tolmer bemerkte, wenig oder gar nicht um das, was im Innern der Insel vorging. »Es sei das in Australien eine gar schlimme Sache, da man nie wisse, mit wem man es eigentlich zu thun bekomme, und in wiefern die Bekanntschaft vortheilhaft und angenehm sein könne.«

Am andern Morgen brach Tolmer vor dem Frühstück noch mit dem dämmernden Tage auf, und wanderte, so rasch ihn seine Füße trugen, dem ziemlich fernen Point Marsden zu. Aber erst am vierten Morgen, durch Dornen, Dickicht und vom Regen erweichte Wege aufgehalten, erreichte er etwa um neun oder zehn Uhr die ersten Umzäunungen des Platzes, der ihm von der letzten Station als Eigenthum eines gewissen Rodwell – derselbe, bei dem sich jener Capitain Howitt aufhalten sollte – bezeichnet worden.

Tolmer machte hier Halt, sich auf alle möglichen Fälle, wenn er da wirklich mit dem Buschrähndscher zusammenträfe, vorzubereiten. Allerdings war er dabei im Vortheil, denn er kannte jenen sogenannten Gentleman John schon von Ansehen genau, und hatte selber jede nur mögliche Vorkehrung getroffen, nicht von ihm erkannt zu werden – konnte er ihn doch auch nicht hier vermuthen. Nichts destoweniger mußte er dem schlauen und abgefeimten Räuber gegenüber jede Vorsicht gebrauchen, sich nicht zu verrathen. Bei dem geringsten Verdacht, besonders wenn dieser seine Helfershelfer in der Nähe hatte, war er verloren, oder der Verbrecher doch jedenfalls gewarnt gewesen, ehe er sich seiner bemächtigen konnte, und Mann gegen Mann blieb ihm auch nur geringe Hoffnung, seiner Herr zu werden. Tolmer selber, wenn auch von kräftigem und durch Beschwerden gestähltem, zähem Körper, war doch dem riesigen, schon seiner Stärke wegen berühmten Räuber nicht gewachsen, und die List für ihn der einzige Ausweg. Ehe er also auf das Haus, dessen Dach er schon von Ferne durch die Büsche konnte schimmern sehen, zuging, setzte er sich noch vorher auf einen dort umgestürzten, unfern von dem schmalen Pfad liegenden Baumstamm, und überlegte vor allen Dingen, auf welche Art er sich am glaubwürdigsten bei jenem Mr. Rodwell einführen könne.

Noch war er hierüber zu keinem festen Resultate gekommen, als er Stimmen im Busch hörte, die allem Anscheine nach gerade vom Hause her den Pfad entlang kamen. Ohne sich einen Augenblick zu besinnen, glitt er hinter den ziemlich starken Gumstamm, auf dem er bis jetzt gesessen, und erkannte wenige Minuten später einen Mann und eine Frau, die zusammen langsam auf dem Pfad hinschritten. Ehe sie übrigens dicht zu ihm kamen, blieben sie auf einer etwas lichten Stelle stehen und sprachen leise mit einander. Tolmer horchte mit der gespanntesten Aufmerksamkeit, war aber nicht im Stande, Alles zu verstehen, denn nur einzelne Worte und kurze Sätze drangen bis zu ihm herüber.

»Es geht nicht,« sagte die Frau, »es geht wahrhaftig nicht – was soll aus dem Kinde werden?«