Dann wieder schien sie der Mann zu etwas überreden zu wollen, denn sie sah vor sich nieder und schüttelte langsam, wie zweifelnd, den Kopf.

Es war ein junges, bildschönes Weib, in die einfache Tracht der australischen Squatterfrauen gekleidet. Ihr Bonnet trug sie in der Hand, und die vollen, lichtblonden Locken fielen ihr voll und reich um die weiße, fast zu bleiche Stirn. Nur das Antlitz des Mannes, der ihr den Rücken zukehrte, konnte er noch nicht erkennen. Dieser beugte sich nach der Frau vor, und hielt eine ihrer Hände zwischen den seinigen.

»Halte nur Alles bereit,« sagte da endlich der Mann mit lauterer Stimme, »ich komme jedenfalls, und Du sollst es nicht bereuen.« – Er bog sich zu ihr nieder und wandte sich dann rasch von ihr ab, den Pfad, den Tolmer kurz vorher gekreuzt, zu verfolgen.

Die Frau blieb an der Stelle, wo er sie verlassen, noch eine Weile stehen, Tolmers Augen aber hafteten auf dem jetzt an ihm vorüberschreitenden Manne, den er auf den ersten Blick als den gesuchten Räuber erkannte.

Gentleman John hatte sich allerdings seit jener Zeit, wo er ihn zuletzt gesehen, sehr zu seinem Vortheil verändert. Er trug statt der früheren Buschtracht seine Tuchkleider, einen feinen schwarzen Hut und einen Spazierstock in der Hand, den Tolmer rasch als Degenstock erkannte. Auch sein Gesicht sah voll und blühend aus und gab den Beweis, daß er von dem geraubten Gelde vortrefflichen Gebrauch gemacht. Eine eigene Aufregung schien sich aber seiner bemächtigt zu haben, seine Augen, mit denen er rasch die Bahn vor sich überflog, leuchteten, und sein Schritt war leicht und elastisch geworden. So eilte er, ohne den versteckten Feind zu bemerken, schnell an Tolmer vorüber und war, ehe dieser nur zu einem Entschluß kommen konnte, ob er ihm folgen solle oder nicht, bald in dem dichten Busch der Waldung verschwunden.

Die Frau schaute ihm wie sinnend nach, so lange sie ihn sehen konnte, und faltete dann die Hände, senkte das schöne Haupt und sah still und schweigend viele Minuten lang vor sich nieder. Dann drehte sie sich um, und schritt mit zögerndem Gang dem Hause wieder zu.

Tolmer wartete, bis sie dasselbe etwa erreicht haben konnte, und wollte dann ebenfalls sein Versteck verlassen, als er vor sich, kaum zwanzig Schritte entfernt, etwas in den Sträuchen rascheln hörte. Es konnte ein Vogel oder auch ein Wallobi[9] sein, von denen es viele dort in der Gegend gab; Tolmer aber war viel zu sehr Buschmann, auch das Geringste unbeachtet zu lassen, und in seiner noch geschützten Stellung bleibend, sah er vorsichtig eine Weile nach der Gegend hinüber, aus der er das Geräusch zuerst gehört.

Im Anfang war Alles wieder ruhig, dann erkannte er aber plötzlich, daß sich da drüben ein schlanker Theebuschschößling bewege, als ob etwas Schweres dagegen drücke, und wenige Secunden später entdeckte er die dunkle Gestalt einer Eingeborenen, die, in einen langen Opossumfellmantel gehüllt, aus dem gegenüberliegenden Dickicht trat. – Nur einen Blick warf sie nach der Richtung hinüber, in der die Frau verschwunden war, dann folgte sie, die Augen fest auf den Boden geheftet, den Schritten des weißen Mannes – ihres Gatten.

Tolmer fühlte sich vollkommen überzeugt, daß sie keine Ahnung von seiner Nähe gehabt, denn selbst wo sie seine Fährten kreuzte, wandte sie den Kopf weder nach rechts, noch nach links hinüber, sondern schien nur das eine Ziel im Auge zu behalten. Nichts desto weniger blieb er jetzt noch eine geraume Zeit in seinem Versteck, um vollkommen sicher zu sein, daß er keinen weiteren Lauscher mehr zu fürchten habe, und ging erst dann, als er sich davon überzeugt, dem nicht mehr fernen Hause zu. Jetzt lag ihm vor allen Dingen daran, Genaueres über jenen Burschen zu hören, und die beste Quelle dafür schien ihm jene fremde Dame, die jedenfalls ein näheres Interesse an ihm nahm.

Tolmer hatte erwartet, auf dem nächsten freien Platze eine der gewöhnlichen Schafstationen mit Wohnhaus des Eigenthümers und einer Anzahl daranstoßender Gebäude zu finden, und war eigentlich überrascht, hier nur, als er die Lichtung betrat, ein einfach kleines, aber unendlich sauberes und freundliches Häuschen vor sich zu sehen, das mit zierlichem Giebeldach gebaut, von einem trefflich gehaltenen Garten umgeben, in ein wahres Dickicht von Frucht-und Blütenbäumen hineingeschmiegt lag. Reizend war dabei die Aussicht auf das offene Meer, die Investigator strait, die hier die Insel von dem festen Lande trennte, und bei klarem Wetter sogar die fernen Höhen desselben sichtbar werden ließ, während hie und da ein weißes Segel auf der dunkelblauen, leicht gekräußten Flut dem Bilde Leben und Bewegung gab.