»Ich? – nein,« sagte die Frau ruhig – »er war nicht hier im Haus.«
»Dann bitte, entschuldigen Sie, daß ich hier so ohne Weiteres eingebrochen bin,« sagte Tolmer, sich leicht verbeugend. Er wußte jetzt genug, und war überzeugt, daß die Frau, die selbst ableugnete den Fremden gesehen zu haben, ihm nie einen weiteren Aufschluß über denselben geben würde. Wenige Minuten später schritt er wieder langsam durch den kleinen, mit sorgsamer Hand angelegten Garten einem anderen, zu dem Haus gehörenden Gebäude zu, das zu Ställen und Vorrathskammern zu dienen schien, und wo er einen Arbeiter beschäftigt sah, einen kleinen Wagen auszubessern.
Der Polizeimann hatte erst von diesem weitere Erkundigungen einziehen wollen, aber das Gesicht des Mannes gefiel ihm nicht. Der Bursche gehörte jedenfalls zu der damaligen Hauptbevölkerung Australiens, der der entlassenen oder beurlaubten Sträflinge, und einem solchen durfte er nicht ahnen lassen, was er hier suche. Deshalb seinen Vorwand beibehaltend, sich nach entlaufenem Vieh zu erkundigen, frug er nur oberflächlich nach der dortigen Nachbarschaft, und denen, die den Platz zu Zeiten besuchten. Er bekam aber auch hier nur ausweichende Antworten, denn Bradley, so hieß der Bursche – war in der That einer der wenigen mit Gentleman John entkommenen Verbrecher, der sich hier als groom verdungen hatte, seine Zeit abzuwarten. Tolmer schöpfte aber erst dann Verdacht gegen ihn selber, als er die angeblich gesuchten, in Wirklichkeit gar nicht existirenden Zugstiere, genau so wie er sie auf gut Glück beschrieb, vor einigen Tagen an der Ostspitze der Insel gesehen haben wollte. Gentleman John war in westlicher Richtung fortgegangen.
Der schlaue Polizeibeamte ließ sich jedoch nicht das Geringste merken, dankte für die Auskunft und verließ, der bezeichneten Richtung folgend, den Platz. Sein Boot lag in der Wegranbay, und er war fest entschlossen, ohne hier weiter einen Augenblick Zeit zu versäumen, so rasch als irgend möglich nach Adelaide zurückzukehren.
In der Hauptstadt Südaustraliens glücklich angelangt, stattete er augenblicklich dem Gouverneur Bericht ab, und dieser war gern bereit, ihm ein Detachement Militär mitzugeben, die flüchtigen Verbrecher aufzuheben. Tolmer dagegen erbat sich Freiwillige, denn er wußte recht gut, mit welchem Feind er es hier zu thun bekam, und daß der in die Enge getriebene Buschrähndscher wie ein Verzweifelter sich wehren würde. Außerdem kannte er die Hülfsquellen nicht, die ihm dort zu Gebote standen, und ob sich im Innern der wilden Insel nicht am Ende noch eine größere Zahl von Verbrechern versteckt hielt, als er jetzt vermuthen konnte.
Zu groß durfte er seine Schaar aber auch nicht wählen, denn immer noch mehr hoffte er von der List als von Gewalt, und als sich zwanzig zuverlässige Leute gemeldet hatten, nahm er noch seinen Sergeanten, einen gewissen Morris dazu, und ließ die Mannschaft auf zwei ihm von der Regierung überlassenen Booten sich nach der Känguruhinsel einschiffen.
Tolmer wollte seine Leute südlich von Cap Borda landen lassen, von dort aus dann seine weiteren Anordnungen zu treffen. Er hatte ihre Abfahrt auch so viel als möglich beeilt, da er herausbekommen, daß allerdings vor einigen Tagen ein Schooner in Adelaide angekauft und, nach Cap Borda bestimmt, abgegangen sei. Das mußte derselbe sein, auf dem Gentleman John seine Flucht bewerkstelligen wollte, und dem zuvorzukommen hatte er keine Minute Zeit mehr zu versäumen.
Die Boote lagen im Adelaide-Port mit Wasser und Provisionen versehen, und Tolmer, der eben seine letzten Instructionen und Vollmachten eingeholt, ging am Werft entlang, wo weiter unten sein Sergeant noch auf ihn wartete.
Wenig achtete er dabei auf die Menschen umher, denen er begegnete, oder die er überholte, er war zu viel mit seinen eigenen Gedanken und Plänen beschäftigt, als ihn plötzlich ein laut gerufener Name aufmerksam machte.