»Ich will mein Kind zurück. Die unglückliche Frau hat sich ihr Loos geworfen. Als sie mich verrieth, der sie auf Händen getragen und mit abgöttischer Liebe fast verehrt, da wählte sie sich ihre eigene Bahn und mag ihr folgen. Ich will sie nur noch einmal wiedersehen, um das Kind, das mein gehört, da sie sich selber des Rechtes dazu verlustig gemacht, von ihr zurückzufordern. Sie hat mich nie geliebt, oder sie hätte – mein Herz nicht durch eine solche Handlung brechen können.«

»Und was soll mit ihr geschehen, wenn wir des Verführers habhaft werden?«

»Gott mag sie schützen und ihr verzeihen,« sagte Rodwell ernst. »Meine treue Hand hat sie von sich gestoßen, ich hätte mit Freuden mein Leben für sie gelassen, sie hat es verschmäht und die Folgen über sie.«

»Gut denn,« sagte Tolmer, nach seinen Pistolen sehend und sie im Gürtel unter dem weiten Buschrock, den er angethan, bergend, »dann bleibt uns nur noch übrig, die Schlange zu finden, die Gift und Elend unter mehr als ein friedlich Dach gebracht. Beim ewigen Gott, das Maaß des Burschen ist über und über voll, und es wird Zeit, mit ihm die Rechnung abzufließen.«

Rodwell, der mit dem Entschluß zur That auch seine ganze Festigkeit und Ruhe wieder erlangt hatte, war indeß zum Stall gegangen, um seine beiden Pferde zu satteln, und nach rasch eingenommenem Frühstück, andere Provisionen hinter sich aufs Pferd gebunden, sprengten die beiden Männer der von Tolmer bezeichneten westlichen Richtung zu.

Die nächste Station, die sie erreichten, war die eines gewissen Motley, auch eines früheren Sträflings, der sich hier angesiedelt und jetzt der Besitzer ansehnlicher Heerden geworden. Rodwell wollte hier die ersten Erkundigungen einziehen, Tolmer verhinderte ihn aber daran. Es war nicht wahrscheinlich, daß die Flüchtigen, wenn sie wirklich hier in der Nähe gelandet wären, diesen seinem Haus so nahen Platz schon berührt haben sollten. Dann blieb es ebenfalls noch in Frage, ob Motley ihnen aufrichtige Antwort gäbe. Je später sie Anderen konnten wissen lassen, welchem Ziel sie nachstrebten, desto besser war es. Ein Geheimniß, das mehr als zwei Personen theilen, ist eben kein Geheimniß mehr.

Diesem Plane treu passirten sie noch zwei Stationen, ohne weitere Erkundigungen über die Flüchtigen einzuziehen, als sie sich durch eigenes Anschauen verschaffen konnten. Das wußten sie außerdem, daß der Räuber mit der Frau und dem Kinde nie in das Innere der Insel dringen konnte, wo die verzweifelte Känguruh-Distel ein Fortkommen oft unmöglich machte. Lag ihm daran, Cap Borda zu erreichen, so war das sehr wahrscheinlich zu Wasser geschehen, oder der kleine Zug genöthigt, sich auf dem am Seestrand hinauflaufenden Weg zu halten. Auf diesem hatten sie aber bis jetzt noch keine Spuren finden können.

So kamen sie bis Cap Trony, unfern des Mount Torrens. Sie hatten die Nacht wieder, wie sie gewöhnlich thaten, im Busch geschlafen, und hielten hier blos an, ihren Pferden ein ordentliches Futter geben zu lassen.

Tolmer hatte hier zuerst den Strand abgesucht, ob sie kein Boot irgendwo vor Anker sähen. Sie konnten aber nirgends etwas Aehnliches entdecken, und galoppirten eben der nicht mehr fernen Häusergruppe zu, als Tolmer plötzlich Rodwells Arm ergriff, und schweigend auf einen dicht am Wege liegenden Gegenstand deutete. – Es waren die Scherben einer Glasflasche, die einst Milch enthalten, und Rodwell faßte krampfhaft die Zügel seines Thieres und riß es zurück, daß es in sein Gebiß schäumte und knirschend in die Höhe stieg. – Es waren die ersten Spuren, die sie gefunden.

»Jetzt sind wir auf der Fährte,« rief da Tolmer, »hier ist der Abdruck von unseres Wildes Schuhen – nein, das muß der Bursche gewesen sein, den sie mit in das Boot genommen. Gentleman John hat ihn nach Milch auf die Station gesandt, während die beiden unten im Boote blieben, und der ungeschickte Bursche die Flasche zerbrochen. Unser Capitain Howitt würde sie selber nie so leichtsinnig dicht am Pfade haben liegen lassen.«