»Glaubt Ihr, daß wir sie im Hause finden?« frug Rodwell, und er brachte die Worte kaum über die Lippen.
»Hier? – Gott bewahre,« erwiderte Tolmer, »die sind im Boote weiter gefahren, und es ist sehr die Frage, ob die auf der Station mehr von ihnen wissen, wie wir selber. Jedenfalls müssen wir hier sehen, was wir von den Leuten herausbekommen, und haben wenigstens die Ueberzeugung, daß sich das Kind noch wohl und bei gutem Appetit befindet.«
»Gott sei gedankt!« stöhnte Rodwell aus tiefer Brust, und der Seufzer sprach nur zu deutlich die Angst um das kleine unglückselige Wesen aus, der er weiter keine Worte zu geben wagte.
Was die Spuren betraf, so hatte Tolmer übrigens Recht. Nur die Fährten des einen Buschschuhes, die vom Wasser nach der Station und wieder genau nach derselben Stelle zurückführten, waren dort zu erkennen, und davon sich erst einmal überzeugt, sprengten die beiden Reiter rasch den Stationsgebäuden zu.
Ihre Vermuthung wurde hier zur Gewißheit. Am gestrigen Morgen hatte ein Mann, der zu einem draußen am Strand auf ihn wartenden Boot gehörte, eine Flasche Milch, eine Flasche Rum und zwei Damper, wie etwas Salz geholt. Der Mann habe vorgegeben, die Milch sei für eine kranke Frau, die sie im Boote hätten, und das betätigte Einer der Stockkeeper, dem sie später, ein Kind auf dem Arme tragend, nicht weit vom Torrensberg begegnet sei. Sie begleitete, außer dem Burschen, der die Milch geholt und jetzt das Gepäck trug, noch ein fremder Herr, den er nicht kannte.
Die beiden Reiter hielten sich nicht länger auf, als irgend nöthig war, ihren Pferden einige Ruhe zu gönnen. Dann sattelten sie wieder auf, derselben Richtung wie bisher zu folgen. Daß sie die richtige Fährte hielten, war überdies gewiß, und Tolmer fand auch bald den Grund, weshalb die Flüchtigen das Boot verlassen und den weit beschwerlicheren Landweg gewählt hatten. Der Wind, der die letzten Tage ziemlich stät von Nordnordost geblasen, war nämlich nach Südwesten umgeschrahlt. Auch sah das Wetter seit gestern Morgen schon ziemlich drohend aus, daß Jene nicht wagen durften, sich in so schwankem Fahrzeug weit vom Ufer zu entfernen. Jedenfalls lag das Boot irgendwo in einer Bucht versteckt, und wenn sich Gentleman John, worin er allerdings einige Fertigkeit besaß, nicht Pferde zu verschaffen wußte, mußten sie die Flüchtigen vielleicht schon am nächsten Morgen überholen.
Zu Wasser hatten diese übrigens so raschen Fortschritt gemacht, daß sie ihnen noch immer einen Tagesmarsch voraus waren. Jetzt aber blieb den Verfolgern auch dafür die Hoffnung, sie um so rascher einzuholen.
An demselben Abend erreichten sie die Station eines alten Bekannten von Rodwell, den dieser wenigstens auf seinen verschiedenen Fahrten durch die Insel schon manchmal besucht hatte. Hier war Gentleman John mit der Frau, die der Stationsbesitzer für seine eigene gehalten, über Nacht geblieben und mit dem Frühesten gegen Mount Torrens aufgebrochen. Das Kind hatte viel die Nacht geschrieen, und die Dame vom Haus behauptete, die arme Frau habe viel geweint, weil sie sich wahrscheinlich um das Kind gegrämt.
Rodwell, obgleich er sein Geheimniß nicht verrieth, war in furchtbarer Aufregung, und Tolmer bei Seite nehmend, bestand er darauf, hier keine Rast zu machen, sondern an demselben Abend trotz einbrechender Dunkelheit noch weiter zu gehen. Die Straße bis zum Torrensberg, an dessen Fuß eine andere Station lag, war ziemlich gut, der Mond stand ebenfalls am Himmel, und sie konnten dadurch recht gut, ohne ihren Pferden irgend weh zu thun, einen weiteren Vorsprung gewinnen. Tolmer war natürlich vollkommen damit einverstanden, und nach einem rasch eingenommenen Mahl brachen die beiden Reiter, zum großen Erstaunen ihres Wirths, wieder auf.
Zwei Stunden scharfen Rittes brachten sie in Sicht des nächsten Hauses, dessen Licht ihnen schon von weitem durch die hier ziemlich dünn stehenden Büsche entgegen schimmerte – wenigstens konnten sie im Freien einen hellen Feuerschein erkennen. Näher gekommen, entdeckten sie aber bald, daß der Schein nicht aus einem Gebäude komme, sondern von einer Fackel herrühre, um die drei oder vier Männer unter einigen Gumbäumen geschaart standen.