Am nächsten Morgen schien ganz Colon in Aufregung; denn ein Indianisches Canoe war mit der Frau des Ermordeten eingetroffen, und die Polizei augenblicklich auf den Füßen – aber zu spät. Der nordamerikanische Dampfer sollte San Thomas anlaufen, um den Verbrecher dort aufzuspüren, aber der Kapitän weigerte sich; es war ein Postschiff, das seine Zeit einhalten mußte und sich nicht tagelang aus dem Wege fahren konnte. Die Frau wollte er nach New-York mitnehmen, weiter konnte er nichts für sie thun.
Es hätte ihnen auch Nichts genützt; denn vor San Thomas kreuzen, sobald der englische Dampfer anlegt, augenblicklich eine Menge kleiner Segelfahrzeuge nach den verschiedenen Inseln, ja selbst nach Venezuela ab; und wer hätte nachher sagen können, welches von allen der Flüchtige benutzt hatte, um vor der Hand nur erst einmal die Verfolger von seiner Spur abzubringen? Er war fort und in Sicherheit mit seinem Raub, und die Frau des Schuhmachers kehrte später mit dem kleinen Kapital, das sie in ihrem eigenen Koffer geborgen, nach Deutschland zurück. Allerdings gewann sie noch eine Summe aus dem Erlös ihrer Brillanten, die ihr der Mexikaner gelassen, oder an die er wohl nicht einmal gedacht, und nahe an tausend Thaler lieferte auch noch die später in Lima verkaufte Einrichtung; aber wie anders hatte sie geglaubt, das Vaterland wieder zu betreten!
Sie gab auch, dort angekommen, die Hoffnung noch nicht auf, den Mörder zu erreichen. Augenblicklich machte sie die Anzeige, und der ***sche Gesandte in Mexiko, wie die verschiedenen Consuln, bekamen bestimmten Auftrag, nach demselben zu forschen, daß man nur erst einmal seinen Aufenthalt erfuhr. Es blieb vergeblich. Ob Felipe Corona gar nicht wieder nach Mexiko zurückgekehrt war? Seine Spur wurde nie wieder aufgefunden.
Ein prize-fight oder Boxerkampf
in Cincinnati.
Als ich nach Cincinnati kam, beschäftigte die dortige Presse in dem Augenblick fast einzig und allein ein in den nächsten Tagen abzuhaltendes Preisboxen, das zwischen zwei berühmten Boxern Jones und McCoole stattfinden sollte. Wahlen, indianische Ueberfälle im Westen, Alles war in dem einen, zu erwartenden Genuß vergessen, und dabei wurde diese von den Gesetzen doch so streng verbotene Sache mit einer so naiven Oeffentlichkeit betrieben, daß es besonders den Fremden in Erstaunen setzen mußte. Ueberall klebten die Zettel, die mit der Abbildung beider Kämpfer zur Theilnahme aufforderten, und Jones besonders, von dem man wußte oder wissen wollte, daß er die science of the art auf das Gründlichste verstehe, gab schon vorher eine Art von Vorstellung in der »Mozart-Halle,« die dann auch bei dichtgedrängtem Hause stattfand.
Der Tag kam, und anstatt Eintrittskarten wurden weiße und lila Bänder verkauft (der Preis für ein lila Band für den inneren Ring à 7 Dollars), die zugleich für freie Passage auf dem Extrazug galten. Aber Niemand wußte, wo der Kampf stattfinden sollte, als die wenigen Eingeweihten, und die Polizei mußte jetzt doch einschreiten und Jones verhaften, der aber augenblicklich wieder auf Bürgschaft entlassen wurde, als er sich verbindlich machte, den Frieden des Counties, in welchem Cincinnati lag (Hamilton county) nicht zu stören. Ueber die Grenzen desselben hinaus hatte die Polizei keine Macht. Allerdings wußte man, daß der Preiskampf nichtsdestoweniger an der Grenze stattfinden würde, aber Niemand natürlich, nach welcher Himmelsrichtung, und man ließ der Sache eben ihren Lauf, ja kehrte sich sogar nicht daran, als Zeit und Bahnhof genau angegeben und von jedem Theilnehmer gekannt waren.
Die Abfahrt sollte Morgens halb zwei Uhr stattfinden und fünfzehn jener riesigen amerikanischen Eisenbahnwagen standen bereit, die Zuschauer an den Ort ihrer Bestimmung zu schaffen. Es wurde aber fast drei Uhr, ehe der Zug abging, und die Wägen fanden sich dann auch gestopft voll Menschen. Nicht allein die Sitze waren überfüllt, nein in jedem Wagen standen auch überdieß noch 25-30 unglückliche Individuen, von denen Viele wohl die ganze vorherige Nacht durchgeschwärmt hatten und vor Müdigkeit nicht mehr die Augen aufhalten konnten.
Der Zug konnte nicht rasch vorrücken, denn der Verkehr auf der Bahn ist ein sehr starker, und nur zu oft mußten wir halten, um regelmäßige Züge, die sich eben so regelmäßig verspätet hatten, durchzulassen. Endlich nach sechs Uhr erreichten wir den Platz – ein kleines, parkartiges Gehölz, das zu der Farm eines Baptistenpredigers gehörte und zu dem Zweck von ihm gemiethet war. Einige der Passagiere wunderten sich darüber, daß der Geistliche sein Grundstück zu einem, noch dazu durch das Gesetz verbotenen Boxerkampf hergeben sollte, Andere aber vertheidigten ihn wieder und behaupteten, er würde keineswegs gewußt haben, wozu man es gebrauchen wolle. In Amerika ist aber, noch dazu bei der Aussicht, Geld zu verdienen, Alles möglich, und so gut wie jetzt die Methodisten in Omaha ihre kleine Kirche auf zehn Jahre an einen deutschen Wirth verpachtet haben, um für diese Zeit eine Bierhalle daraus zu machen, eben so gut konnte der Baptist auch das kleine Gehölz einmal auf ein paar Stunden für einen Schauplatz roher Brutalität vermiethen und sicherlich nicht mehr in der kurzen Zeit damit verdienen.
Doch dem sei, wie ihm wolle. Wir waren da, und kaum hielt nun der Zug, als das wilde blutdürstige Volk schon wie ein Schwarm von den Wägen hinabsprang und sich über die unter ihm zusammenbrechende Fenz warf, um einen »guten Platz« zu bekommen und den Kämpfenden so nahe als irgend möglich zu sein. Ja, damit waren Viele noch nicht einmal zufrieden, und wie sie nur das kleine Gehölz erreichten, suchten schon Hunderte an den nächsten Bäumen emporzuklettern, um von denen aus keinen Moment des »interessanten Kampfes« zu versäumen. Vielen gelang das auch, und einzelne kleine, leicht zu ersteigende Bäume waren im Nu mit Menschen gefüllt, die oft in lebensgefährlicher Weise bis in die äußersten Zweige hinauskletterten und dort hängen blieben. Andere, als sie dort keinen Platz mehr fanden, versuchten sich an dickeren Bäumen, und Manche entwickelten dabei eine erstaunliche Fertigkeit. Wehe aber dem armen Teufel, dessen Kräfte unterwegs nachließen – Aller Augen, da es noch weiter nichts zu sehen gab, hingen an ihnen, und wie sie nur hielten, ertönten schon spöttisch ermuthigende Zurufe, die sich aber zu einem indianischen Geheul steigerten, sobald der Unglückliche, mit hochhinaufgerutschten Hosen, seinen nicht mehr zu verheimlichenden Rückweg begann.
Indessen wurden Anstalten gemacht, um den sogenannten Ring aufzuschlagen, was aber durch die augenblicklich herbeidrängenden Menschen zur Unmöglichkeit wurde. Außerdem war der Boden hart und trocken und die Pfähle ließen sich nur sehr schwer eintreiben. Es dauerte auch in der That eine volle Stunde, bis man die wie wahnsinnigen Menschen nur so weit zurücktreiben konnte, um die Arbeit in Angriff zu nehmen, und weder Vernunftgründe noch Gewalt schienen bei ihnen etwas auszurichten. Sehen wollten sie – Alles sehen, wofür sie ihr Geld bezahlt, und nur erst, als sie doch wohl einsahen, daß in solcher Weise der Kampf nie stattfinden könne, gaben sie endlich nach.