»Wenn Sie mir das Versprechen geben,« sagte der Mexikaner, »daß Sie sich heute, an der Stelle auf welcher ich Sie hier aussetzen muß, vollkommen ruhig verhalten wollen, so werde ich Ihnen Geld genug geben, um Ihre Rückfahrt zu decken. Es ist mehr, als Ihr Mann damals für mich gethan. Morgen früh kehren dann die Canoes zurück, die jene Passagiere nach Colon gebracht haben – die mögen Sie anrufen und um Hülfe bitten. Auch Lebensmittel sollen Sie da behalten, um davon zu zehren; ich habe keine Vergeltung an Ihnen zu üben, nur an dem Verbrecher.«
»Und hier, in dem furchtbaren Sumpf soll ich allein zurückbleiben?« stöhnte die Frau entsetzt.
»Es geschieht Ihnen Nichts,« lachte der Mexikaner bitter; »halten Sie sich nur ein wenig vom Ufer ab, daß Sie nicht in der Nacht mit einem Alligator zusammentreffen, dann haben Sie nichts zu fürchten; aber,« setzte er drohend hinzu, »wagen Sie es, auch nur einen Hülferuf auszustoßen, dann sind Sie verloren. Gleich unterhalb dieser Stelle werde ich selber bis Mitternacht versteckt bleiben, um dann nach Colon herunter zu fahren. Höre ich einen einzigen Laut, dann haben Sie kein Erbarmen mehr zu hoffen; denn ich darf mich selber keiner Gefahr aussetzen.«
Noch während er sprach, hatte er die Frau ans Land geführt und ihre Sachen, die er recht gut kannte, aus dem Canoe geschafft, ebenso fast Alles, was sich an Lebensmitteln im Fahrzeug befand. Die Frau war auf den Boden gesunken und barg ihr Antlitz in den Händen. Leise schob indessen der Mexikaner das Canoe wieder vom Land ab und schleifte den daran hängenden Körper hinter sich her, bis in tiefes Wasser. Die Frau regte sich nicht. Wenige Minuten später befand er sich draußen in der Strömung, durchschnitt das Seil, das den Leichnam hielt, und glitt jetzt, so rasch ihn das Ruder fördern konnte, den Strom hinab.
Dort galt es allerdings, vor allen Dingen die Blutspuren im Canoe fortzuschaffen, damit diese nicht einen Verdacht gegen ihn wecken konnten. Das that er, während er, von der Strömung getragen, weiter trieb mit den dem Deutschen abgenommenen Kleidungsstücken, die er nachher ins Wasser warf. In kaum einer halben Stunde, und noch vor oder mit eben einbrechender Dunkelheit, war er fertig und hatte sein Canoe wieder so sauber und blank gewaschen, daß man auch nicht das mindeste Außergewöhnliche mehr daran erkennen konnte. Er dachte aber gar nicht daran, sich in der Nähe der am Ufer zurückgelassenen Frau versteckt zu halten; die Drohung sollte nur dazu dienen, sie einzuschüchtern, damit sie nicht vor der Zeit doch noch Hülfe herbeischrie und unbequeme Verfolger auf seine Fährte setzte. Jetzt hatte er deshalb Nichts weiter zu thun, als den Canoes der übrigen Passagiere auszuweichen, und in Nacht und Dunkelheit war schon keine Gefahr mehr, mit ihnen zusammenzutreffen.
Wer von diesen bekümmerte sich aber auch um andere Passagiere, noch dazu um die Deutschen, mit denen sie wenig oder gar nicht an Bord verkehrt? Ein Theil von ihnen beabsichtigte, direkt nach New-York, ein anderer nach San Thomas zu fahren; es fragte Keiner von Allen darnach, wohin sie sich gewandt.
Der Mexikaner erreichte Colon etwa um elf Uhr Abends, gedachte aber nicht, an der Stadt anzulegen, und fragte nur einen Fischer, den er noch an der Mündung des Stromes mit seinen Netzen beschäftigt fand, ob er wisse, welcher der beiden dort südlich von ihnen liegenden Dampfer zuerst abfahren werde.
»Caramba, Señor, seht Ihr denn das nicht?« lachte der Mann. »Der eine raucht ja schon aus Leibeskräften. Wenn Ihr da noch an Bord wollt, müßt Ihr machen.«
Felipe verlangte nicht, mehr zu hören; er legte sich scharf ins Ruder, und war bald langseit des Dampfers, wo sich die Matrosen, die sein Gepäck an Bord zu nehmen hatten, nicht wenig über das Gewicht der beiden kleinen Koffer wunderten. Aber Niemand fragte ihn, woher er käme, oder achtete darauf, daß er vorn ins Zwischendeck ging und dort seine Passage nahm. Nur bei dem Clerk des Dampfers mußte er sich melden und diesem die Fahrt nach San Thomas, wo das englische Boot zuerst anlegte, zahlen.
Andere Passagiere trafen noch ein, aber Alle für die Kajüte, Keiner von Allen kam nach vorn, und als um zwölf Uhr die Räder anfingen zu arbeiten, der schwere Anker aus der Tiefe kam, saß Felipe in Sicherheit vorn auf der Back des Fahrzeuges und schaute mit finster zusammengezogenen Brauen nach der Mündung des Chagresflusses, der sein Opfer barg, hinüber.