Perryville ist keine regelmäßige Stadt, wenn auch schon seit langen Jahren regelmäßig ausgelegt. Arkansas selber hatte aber die in den schönen Staat gesetzte Hoffnung, daß er sich rasch und entschieden bevölkern würde, nicht bewährt. Viele seiner Bewohner, unstätes Volk alle zusammen, waren nach Californien gezogen, als der erste Ruf des Goldes von dort herübertönte, Andere nach Texas, weil sich vielleicht ein Fremder in ein oder zwei Miles Entfernung von ihnen angesiedelt hatte und die »zu nahe« Nachbarschaft ihnen unbequem wurde, und wenn sich dann auch mancher neue Einwanderer von den östlichen Staaten her in das Land zog, hielt sich die Bevölkerung trotzdem so ziemlich auf dem alten Stand.
Nur an den kleinen Fluß hinauf, den Fourche-la-Fave, wie er genannt wird, hatten sich die Farmen, aber auch nur mit weiten Unterbrechungen gezogen; das innere Land lag noch in jungfräulicher Wildniß, von keiner Axt, höchstens einmal von dem Beil des Jägers berührt, der sich dort junge Stämme zu Lagerstangen abhieb, und das Städtchen, was so nach und nach am Fourche-la-Fave entstanden, war eigentlich gar nicht nöthig. Die Farmer und Jäger brauchten es nicht, hätten wenigstens recht gut ohne dasselbe bestehen können, und benutzten es nur zu gelegentlichen Zusammenkünften.
Bis hierher war auch der eigentliche Krieg noch nicht gedrungen und drang überhaupt nicht hin. Truppenkörper der verschiedenen Armeen schickten wohl später dann und wann einmal einen Streifzug durch den Wald, aber der mußte die Straße halten und verweilte auch nicht gern lange in den dichten Wäldern, wo er sich nie sicher davor fühlte, von einem anderen, vielleicht stärkeren Corps überfallen zu werden.
Little Rock, die Hauptstadt des Staates, hatte sich allerdings zu Gunsten der Secession erklärt, denn Arkansas war ein echter Sclavenstaat, wenn es auch im Verhältniß nur wenig Negersclaven aufweisen konnte. Die eigentlichen Farmer und Jäger hatten sich aber bis jetzt, wie nach stillschweigendem Uebereinkommen, noch nicht am Kriege betheiligt. Sie waren weder angegriffen, noch belästigt worden und mit der geringen Bevölkerung ihres Staates, warfen sie ja doch kein Gewicht in die Wagschaale des Krieges. Ueberdies verkündeten die seltenen Nachrichten, die wirklich zu ihnen drangen, nur immer neue Siege der Secessionisten, die sogar das Capitol in Washington bedrohen sollten; sie wurden also dort gar nicht gebraucht, während sie hier unumgänglich nöthig blieben, um ihre Familien zu erhalten. Was hätten die einzelnen Frauen und Kinder hier mitten im Walde anfangen wollen, wenn die Männer und jungen Leute weit hinweg in andere Staaten gezogen wären, um sich mit den Yankees herumzuschlagen.
Außerdem standen fast alle alten Leute in dem ganzen District, im Herzen auf Seite der Union. Am ganzen Fourche-la-Fave war auch nicht ein einziger Sclavenhalter, kein einziger Neger zu finden. Am Petite-Jeanne drüben gab es allerdings ein paar, aber ihretwegen wäre es wahrlich nicht der Mühe werth gewesen, einen blutigen Krieg anzufangen und die große und mächtige Union in zwei Hälften zu reißen.
Einzelnen jungen Leuten zuckte es allerdings in den Gliedern, Theil an dem Kampf zu nehmen und einen Tanz mit den »verdammten Abolitionisten« zu haben, wie die Yankees damals genannt wurden und welchen Namen sie auch in der That noch zum großen Theil jetzt führen; die große Mehrzahl war indeß entschieden gegen eine Betheiligung am Krieg, denn die Südstaaten, zu denen sie allerdings ihrer Lage nach gehörten, hatten die Flagge der Union beschimpft, die Constitution gebrochen und den Bürgerkrieg entzündet. Sie wollten keine Hand in solchen Dingen haben.
Nur die Frauen neigten sich sonderbarer Weise der Secession zu, und aus welchem Grunde?
Im Herzen trugen sie alle den Wunsch, es einmal dahin zu bringen, daß sie sich ein Hausmädchen – natürlich eine Sclavin – anschaffen konnten, denn Dienstboten, wie wir solche bei uns gewohnt sind, gab es ja nicht in der Union, und was man a help nannte, eine »Hülfe,« und worunter sich eine Nachbarstochter verstand, die einmal auf kurze Zeit oder weil bei ihnen selber das Brot knapp wurde, herüberkam und eine Weile aushalf – konnte natürlich nicht genügen, da diese jungen »ladies« wie die rohen Eier behandelt sein wollten und bei dem ersten rauhen Wort das Haus augenblicklich und indignirt verließen. Eine junge Negersclavin blieb also ihr heimlicher, aber dafür desto innigerer Wunsch, und daß sie sich – unter solchen Umständen – nicht für Abschaffung der Sclaverei begeistern konnten, versteht sich wohl von selbst.
Vor kaum acht Tagen nun war die Nachricht hier in den stillen Wald gedrungen, daß die »Südlichen« wieder einen neuen und großen Sieg über den Norden davongetragen hätten und dieser jetzt die verzweifeltsten Anstrengungen mache, um den immer mächtiger werdenden Feind zu verhindern, sich selbst in Besitz des Capitols zu setzen. Eine Aushebung von Hunderttausenden sollte unter den Yankees ausgeschrieben sein, und es war deshalb nöthig geworden, auch die Kräfte des Südens zusammenzurufen, um die »Abolitionisten« nicht wieder zu Athem kommen zu lassen, sondern womöglich gleich mit einem Schlage zu vernichten. Derartige Phrasen durchliefen ja fortwährend die weit abgelegnen Territorien sowohl, als auch die einzelnen Rebellenstaaten selber, und fanden in den letzteren vielleicht Wiederklang – in Arkansas aber nicht. Als deshalb auf den heutigen Tag Emissaire vom anderen Ufer des Mississippi eine Versammlung in Perryville ausgeschrieben hatten, um den Stand der Verhältnisse zu besprechen, fanden sich wohl die jungen und auch die älteren Leute dazu ein, weil sie etwas Bestimmtes über den Stand des Krieges zu erfahren hofften, aber begeistert für die Sache selber waren sie nicht, ja die alten Backwoodsmen sogar fest entschlossen, einer möglichen Anwerbung entschieden entgegenzutreten.
Den jungen Burschen aber kam ein solcher »Frolic,« wie sie es nannten, gerade recht. Der Krieg dauerte nun schon Jahre, und eine todte, erdrückende Schwüle hatte indessen auf dem ganzen Land gelegen. Wer sollte auch Lust gehabt haben sich zu vergnügen, während nur immer eine Nachricht nach der anderen kam, wie bald da bald dort Tausende im gegenseitigen Bruderkampf erschlagen waren und ihr Herzblut die zerstörten Felder röthete.