Der Führer schien sich aber überzeugt zu haben, daß ihnen hier keine Gefahr drohe. Nur um ganz sicher zu sein, wandte er sich zu dem Neger und sagte zu diesem:
»Du, Sip – steig einmal da drüben die Bank hinauf – wenn Du Dir auch die bloßen Beine ein wenig naß machst, und spür' einmal den Platz ab. Sowie Du etwas Verdächtiges merkst, kommst Du zurück – und nun vorwärts, Ihr Burschen. Habt Ihr die Hacken mitgenommen? Das ist Recht. Das sieht mir selber so aus, als ob dort die Erde frisch umgewühlt wäre. Vorwärts, in einer Viertelstunde müssen wir mit der Sache zu Ende sein.«
Siebentes Kapitel.
Der Hinterhalt.
Die jungen Backwoodsmen vom Fourche la Fave hatten indessen den Abend hinter ihrer Sandbank ziemlich ruhig verbracht, denn sie glaubten selber nicht, daß die Jay-hawker zu dieser Zeit einen Ueberfall unternehmen würden. Es war das wenigstens bis jetzt noch nicht ein einziges Mal geschehen. Am liebsten kamen sie in früher Morgenstunde, ja meistens mit anbrechendem Tag, bis zu welcher Zeit auch sämmtliche Indianerstämme ihre Angriffe aufschieben, weil sie den Feind dann selten oder nie gerüstet finden.
Allerdings hielten die Freunde abwechselnd ihre Wacht und beobachteten dabei ein vorsichtiges aber auch nothwendiges Stillschweigen. Schon der Klang einer Menschenstimme hier im Wald, würde einem herumschleichenden Feind den ganzen Plan verrathen haben, aber an wen es gerade war, sich zum Schlafen nieder zu legen, der that das in voller Ruhe und in einem Gefühl von Sicherheit, das jedoch rasch schwand, als der Whip-poor-Will Morgens seinen ersten Laut hören ließ, und damit den nahenden Tag verkündete.
Jetzt wurden Alle geweckt und lautlos, ihre Büchsen im Arm, horchten sie der Richtung zu, in welcher das Haus lag, ob sie nicht den wilden Schrei von dort herüber hören konnten, mit dem sich die Jay-hawker schon verschiedene Male bei ihren Opfern eingeführt – aber es blieb Alles still. Der Tag dämmerte, die Sonne ging auf und stieg höher und höher, ja stand schon über den Baumwipfeln, und noch immer regte sich Nichts nach jener Richtung zu im Wald, und nur ein paar Spechte hämmerten ununterbrochen an einem alten Stamm herum und stießen manchmal dazu ihr heiseres Gekreisch aus.
Hatten die Jay-hawker ihren Angriff auf Boyles' Haus aufgegeben und waren am Ende doch mit einem vielleicht irgendwo sonst aufgefundenen Canoe nach der anderen Seite zurückgekehrt? Sie hätten jetzt selbst Perryville vollkommen schutzlos gefunden und dort nach Belieben wirthschaften können.
Halt! das klang wie eine menschliche Stimme – wenn sie jetzt kamen. Den jungen Leuten schlug das Herz, als ob sie sich hätten an einen Bären anpirschen wollen. Sie Alle waren aber auch Jäger genug, um zu wissen, daß sie sich vollständig decken mußten, wenn sie den schlauen Feind überlisten wollten. Das Blitzen der Sonne auf einem Büchsenlauf, die runden dunkeln Umrisse eines Kopfes nur auf dem hellen Sand konnten sie schon verrathen, und nicht allein, daß ihre ganze Arbeit dann umsonst gewesen wäre, nein, sie gefährdeten in dem Fall auch auf das Ernstlichste das Leben des Knaben, denn welche Gewissensbisse hätten sich jene Burschen gemacht im ersten Moment und in Wuth und Rache selbst das Leben eines Kindes zu nehmen.
Jim Jenkins hatte dafür auch schon vorher seine Ordre gegeben. Alle mußten sich vollkommen hinter dem Sandrücken verborgen halten, und er selber häufte, eben mit den Augen über dem Rand, für seinen Kopf eine Parthie Reiser und Ranken so auf, daß sie ihm einen Blick hinausließen, aber ihn auch sonst vollständig verdeckten. Erst wenn die Freunde sahen, daß er sich selber schußfertig machte, sollten sie das Nämliche thun, die Büchsen dann hinausschieben und rasch, aber sicher zielen und abdrücken – um Gottes Willen keinen Schuß nutzlos vergeuden.
Jetzt konnte Jim die dunklen Gestalten der Jay-hawker schon deutlich im Wald erkennen. Sie kamen näher und näher und das Blut stockte ihm fast, als er sah, daß der Erste den Arm seines Bruders fest in der Faust hielt, und der Kleine dadurch nicht einmal frei war, sich, der Verabredung nach, gleich bei dem ersten Schuß in das Dickicht zu werfen – aber jetzt blieb keine Zeit mehr zum Besinnen – wo war Hendricks? Jim's Blick suchte ihn, aber er fand ihn nicht unter den Vorderen. War er am Ende gar nicht unter der Schaar? – Jim schrak unwillkürlich zusammen. Die Jay-hawker hielten noch im Waldrand, so daß er bis jetzt nur auf den Einen hätte mit Sicherheit zielen können. Hatten sie etwa Verdacht geschöpft – aber durch was? Jim durfte allerdings nicht einmal den Kopf zur Seite drehen, um sich nicht durch die, selbst unbedeutende Bewegung selber zu verrathen, und nur den Mund öffnete er weit, so schwer kam ihm der Athem aus der Brust.